Die neuen Glocken der Martinskirche – Ein Klang für Generationen
Glocken als Stimme des Dorfes
Seit Jahrhunderten gehören Glocken zu den prägenden Merkmalen eines Dorfes. Ihr Klang begleitet die Menschen durch den Alltag, markiert die Stunden des Tages und verbindet Generationen miteinander. In Mittelstadt waren die Glocken der Martinskirche über lange Zeit hinweg mehr als nur ein kirchliches Instrument. Sie waren Orientierung, Einladung, Erinnerung und Ausdruck gemeinschaftlichen Lebens.
Als im Jahr 1998 fünf neue Bronzeglocken für die Martinskirche angeschafft wurden, war dies deshalb weit mehr als eine technische Erneuerung. Die Glockenweihe entwickelte sich zu einem Ereignis, das die gesamte Ortschaft bewegte und bis heute als bedeutender Abschnitt der jüngeren Ortsgeschichte in Erinnerung geblieben ist. Die neuen Glocken stehen seither für Tradition, Heimatverbundenheit und den Wunsch vieler Menschen, etwas Dauerhaftes für kommende Generationen zu schaffen. Grundlage dieses Beitrags sind die zeitgenössischen Berichte, Grußworte und Dokumentationen zur Glockenweihe von 1998.
Die lange Geschichte der Mittelstädter Glocken
Wann die erste Glocke in Mittelstadt erklang, lässt sich heute nicht mehr genau feststellen. Bereits im Jahr 1473 wird jedoch eine große Glocke erwähnt, die mit den Namen der vier Evangelisten geschmückt war. Im Laufe der Jahrhunderte ergänzten weitere Glocken das Geläut der Kirche.
Wie vielerorts blieb auch Mittelstadt von den Auswirkungen der Kriege nicht verschont. Mehrfach mussten Glocken eingeschmolzen und für militärische Zwecke abgegeben werden. Besonders der Erste Weltkrieg führte zum Verlust eines wertvollen Bronzegeläuts. Zwar wurden nach Kriegsende neue Glocken angeschafft, doch aus wirtschaftlicher Not entschied man sich für Glocken aus Eisenhartguss beziehungsweise Stahl. Diese waren deutlich günstiger als Bronze, konnten jedoch klanglich und hinsichtlich ihrer Haltbarkeit nicht überzeugen.
Schon wenige Jahre nach ihrer Anschaffung wurden die Klangqualität und die Materialeigenschaften kritisch beurteilt. Fachgutachten beschrieben die Glocken als laut, kurzatmig und wenig harmonisch. Hinzu kam ein weiteres Problem: Das Material alter Eisen- und Stahlglocken war anfällig für Korrosion und Materialermüdung. Fachleute warnten davor, dass die Glocken eines Tages während des Läutens brechen und abstürzen könnten.
Der Weg zur Entscheidung
Bereits in den 1970er Jahren empfahlen Glockensachverständige der Evangelischen Landeskirche eine grundlegende Erneuerung des Geläuts. Über viele Jahre blieb dieses Vorhaben jedoch Wunschdenken, da die finanziellen Möglichkeiten der Kirchengemeinde begrenzt waren.
Erst Anfang der 1990er Jahre nahm das Projekt konkrete Formen an. Ein eigens eingerichteter Glockenfonds bildete die Grundlage für spätere Spendenaktionen. Durch zahlreiche Einzelspenden, Stiftungen, Erlöse aus Gemeindeveranstaltungen und weitere Initiativen wuchs das verfügbare Kapital kontinuierlich an.
Entscheidend war schließlich ein Gutachten des Glockensachverständigen Claus Huber. Er empfahl ein fünfstimmiges Bronzegeläut, das aufgrund der erhöhten Lage der Martinskirche weit ins Neckartal hinein hörbar sein sollte. Nach intensiven Beratungen beschloss der Kirchengemeinderat im November 1996 die Anschaffung eines neuen Geläuts. Den Auftrag erhielt die traditionsreiche Glockengießerei Bachert in Bad Friedrichshall-Kochendorf.
Handwerk nach alter Tradition
Der Glockenguss zählt zu den ältesten und anspruchsvollsten Handwerken Europas. Noch heute erfolgt die Herstellung großer Kirchenglocken weitgehend nach jahrhundertealten Verfahren. In diesem Zusammenhang wurde häufig auf Friedrich Schillers berühmtes Gedicht „Das Lied von der Glocke“ verwiesen. Die Verse beschreiben eindrucksvoll den aufwendigen Entstehungsprozess einer Glocke und die Bedeutung, die ihr im Leben der Menschen zukommt.
Auch die Mittelstädter Glocken entstanden in traditioneller Handarbeit. Über mehrere Monate hinweg wurden die Formen aus Lehm aufgebaut, verziert und für den Guss vorbereitet. Viele Gemeindemitglieder verfolgten die Entstehung der Glocken persönlich und nahmen sogar am Glockenguss teil.
Der Glockengießer Albert Bachert erinnerte später daran, dass die neuen Glocken in der Hoffnung geschaffen wurden, viele Generationen lang Menschen von der ersten bis zur letzten Stunde ihres Lebens zu begleiten.
Fünf Glocken mit eigener Botschaft
Das neue Geläut besteht aus fünf Bronzeglocken, die jeweils eine eigene Aufgabe und symbolische Bedeutung besitzen.
Die größte Glocke ist die Fest- und Sonntagsglocke. Sie bildet das klangliche Fundament des gesamten Geläuts und erinnert mit ihrer Gestaltung an die christliche Lehre von der Dreifaltigkeit Gottes.
Die Betglocke ruft morgens und abends zum Gebet. Ihre Symbolik zeigt eine betende Gestalt und verweist auf das Gespräch des Menschen mit Gott.
Die Kreuzglocke erinnert an das Leiden und Sterben Jesu Christi. Sie erklingt insbesondere zu den traditionellen Passionszeiten.
Die Zeichenglocke begleitet den Tageslauf und weist mit ihren Schlägen auf den Fortgang der Zeit hin. Gleichzeitig lädt sie als erste Glocke zu Gottesdiensten und Festen ein.
Die kleinste Glocke ist die Taufglocke. Ihr heller Klang begleitet Taufen und erinnert an die christliche Zusage der Nähe Gottes.
Jede Glocke erhielt zudem eine eigene künstlerische Gestaltung mit Symbolen, Figuren und Bibelworten. Verantwortlich dafür war der ehemalige Schulleiter Kurt Müller, der gemeinsam mit der Kirchengemeinde ein modernes, zugleich aber zeitloses Konzept entwickelte.
Ein Dorf feiert seine Glocken
Den Höhepunkt der Feierlichkeiten bildete der Glockenumzug am 9. Mai 1998. Was ursprünglich als Transport der neuen Glocken geplant war, entwickelte sich zu einem großen Dorffest.
Vertreter aller Kirchen, Vereine, der Schule, der Kindergärten sowie zahlreiche Bürgerinnen und Bürger beteiligten sich am Festzug. Die Glocken wurden feierlich durch die Straßen Mittelstadts begleitet. Entlang der Strecke standen viele Zuschauer, um die neuen Wahrzeichen willkommen zu heißen.
Am Rathaus angekommen, erwartete die Teilnehmer ein umfangreiches Programm mit Musik, Ansprachen und Begegnungen. Posaunenchöre, Gesangvereine und weitere Gruppen gestalteten den Nachmittag. Besonders bewegend war der erste öffentliche Anschlag der großen Fest- und Sonntagsglocke, deren Klang erstmals über Mittelstadt zu hören war.
Der Glockenumzug machte deutlich, dass die neuen Glocken nicht allein der Kirchengemeinde gehörten. Sie wurden als gemeinsames Projekt des gesamten Dorfes verstanden. Die Feierlichkeiten spiegelten ein außergewöhnliches Gemeinschaftsgefühl wider, das weit über konfessionelle und gesellschaftliche Grenzen hinausreichte.
Stimmen zur Glockenweihe
In zahlreichen Grußworten wurde die Bedeutung der neuen Glocken hervorgehoben.
Das Mittelstädter Pfarrerehepaar Tröndle betonte die Sehnsucht vieler Menschen nach Beständigkeit in einer sich wandelnden Welt. Bronzeglocken seien ein Zeichen dafür, dass manches über Generationen hinweg Bestand haben könne.
Dekan Helmut Sorg erinnerte daran, dass Glocken den Tageslauf strukturieren, zu Gottesdiensten einladen und die wichtigsten Stationen des Lebens begleiten.
Auch die benachbarten Kirchengemeinden sowie Vertreter der katholischen und methodistischen Kirche würdigten die Neuanschaffung als Ausdruck guter ökumenischer Zusammenarbeit.
Die damalige Bezirksbürgermeisterin Brunhilde Schad sah in den Glocken ein Symbol für Harmonie und Zusammenhalt innerhalb der Dorfgemeinschaft. Oberbürgermeister Dr. Stefan Schultes hob hervor, dass die Glocken sowohl zum kirchlichen als auch zum bürgerlichen Leben Mittelstadts gehören und damit eine wichtige Tradition fortführen.
Die erste Läuteordnung
Mit den fünf Glocken eröffneten sich völlig neue Möglichkeiten für die Gestaltung des Geläuts. Während mit den bisherigen drei Glocken nur wenige Kombinationen möglich gewesen waren, entstanden nun zahlreiche harmonische Varianten für unterschiedliche Anlässe.
Die traditionelle Tagesgliederung blieb erhalten. Morgens um sechs Uhr lädt die Betglocke zum Beginn des Tages ein. Um elf Uhr und um sechzehn Uhr erinnern die Passionsläuten an das Leiden Christi. Das Abend- beziehungsweise Nachtläuten beschließt den Tag.
Neu eingeführt wurden unter anderem das Einläuten der Sonn- und Festtage am Samstagabend sowie ein regelmäßiges Kreuzläuten am Freitagnachmittag. Durch die größere Zahl der Glocken konnte fortan wesentlich differenzierter auf unterschiedliche Gottesdienste und besondere Anlässe eingegangen werden.
Ein bleibendes Wahrzeichen
Wenige Tage nach dem Glockenumzug wurden die alten Stahl- und Eisenglocken aus dem Turm der Martinskirche entfernt. Am 14. Juni 1998 erklangen die neuen Bronzeglocken erstmals offiziell im Rahmen eines ökumenischen Festgottesdienstes.
Seitdem prägt ihr Klang das Ortsbild von Mittelstadt. Sie begleiten Gottesdienste, Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen ebenso wie den Alltag vieler Menschen. Gleichzeitig erinnern sie an eine außergewöhnliche Gemeinschaftsleistung, bei der eine ganze Dorfgemeinschaft zusammenstand, um ein bedeutendes Stück ihrer kulturellen Identität zu bewahren.
Rückblickend war die Glockenweihe von 1998 weit mehr als die Anschaffung neuer Kirchenglocken. Sie wurde zu einem Symbol für Zusammenhalt, Heimatverbundenheit und die Bereitschaft vieler Menschen, Verantwortung für die Zukunft ihres Dorfes zu übernehmen. Die fünf Bronzeglocken der Martinskirche sind damit nicht nur Klangkörper aus Metall, sondern bis heute lebendige Zeugen Mittelstädter Geschichte.
