Geschichten und Anekdoten
Winterfreuden
Jedes Jahr so ab Dezember hat die Mittelstädter Kinderschar gelauert, bis der erste Schnee fiel. Es hat sich schnell herumgesprochen, wo schon „bahnet“ war, im Diess, im Lodenberg, im Bergsteig aber am besten en de Schmittla. Da wurde dann bei guten Bahnverhältnissen eine „Bettelfuhr“ mit zwei Schlitten gemacht. Vorne saß ein meist etwas älterer Schlittschuhlenker und ab gings in rasendem Tempo und viel Geschrei, möglichste bis übers Hommeles Haus hinaus. Die Sache war nicht ungefährlich, es gab einige schwere Unfälle.
Ein herrliches Wintervergnügen war das Schlittschuhlaufen auf dem zugefrorenen Neckar. Beim Weggehen wurde man ermahnt, ja nicht auf den Neckar zu gehen. Dies wurde fest versprochen – und ab gings Richtung Neckar.
Mit was für Schlittschuhen man fuhr, ist heute unvorstellbar! Dauernd verlor man die Absätze vom einzigen Paar Schuhe das man hatte, wegen den angeschraubten Schlittschuhen. Auf dem Neckar herrschte ein munteres Treiben und besonders im Jahr 1946, als der Neckar fest zugefroren war, war viel los und ein illustres Publikum war zugange. Die besten Paarläufer war der damalige noch ledige Ortpfarrer, der mit seiner Partnerin, einem jungen Mädchen aus dem Dorf, in punkto Paarlauf einiges zu bieten hatte. Da das Parr dauernd von Halbwüchsigen umringt und mit Zurufen belästigt wurde, verzog es sich in Richtung Schütte, um dort in Ruhe seine Runden drehen zu können. Die ganze Meute folgte. Doch – oh Schreck – da war das Eis nicht so dick! Plötzlich verschwand der Pfarrer mitsamt Partnerin in einem tiefen Loch! Alle standen wie erstarrt ein Stück von dem Loch und sahen, wie die beiden zappelten und strampelten und nach Luft schnappten. Niemand rührte sich vom Fleck, bis der Pfarrer in einer Auftauchphase schrie: Holt Leiter und Seile, schnell! Da legte sich ein Junge auf das Eis und streckte seinen Eishockeyschläger in Richtung Loch. Der Pfarrer schrie: Zuerst die Elsbeth, zuerst die Elsbeth! Also zog der Junge zuerst die Elsbeth aus dem immer größer werdenden Loch und dann den Pfarrer. Die beiden schüttelten sich und liefen jetzt einzeln nach Hause. Zwei Stunden später im Konfirmandenunterricht warteten alle gespannt, aber nichts passierte, es war wie immer.
Jahre später, der Junge war bei einem Motorradunfall während der Kirchgangszeit tödlich verunglückt. Das wurde ihm vom Pfarrer am Grabe vorgehalten, wäre es beim Kirchgang zur Stelle gewesen.
Quelle: unbekannt
En de Wiesla
Es führte ein Fußweg als Verbindung von der Hofstatt end Schmittla. Die Häuserrückzeilen dieser Straßen waren Grenzen sowie der Germaniagarten, der Köhlersgarten, in dem ein großer Bienenstand respektvoll Abstand gebot. Bachaufwärts war freies Feld bis hinaus ins Paradies. Heute kaum mehr vorstellbar, da vollständig überbaut. Es war ein beliebter Spielplatz für Jugendliche.
Winters für Rodler, mit einsitzigen Fidelesschlitten, sogenannten Bocklern (mit so einem fuhr auch die kerna Kathre, je ein Laib unter den Armen und einen auf dem Bauch auf dem Kopf d Schmittla na zom Becka). Die mehrsitzigen Davoser waren gehobene Klasse. Auch die Skifahrer mit Fassdauben und Schnabelskiern beanspruchten die Hügelchen. Man musste die Alltagsstiefel umrüsten mit Riemchen am Absatz und Blechmanschetten im Zehenbereich. Gewachst wurden die Latten mit Kerzenwachs, manchmal auch schon mit speziellen Wachsen, die mit Omas altem Kohlebügeleisen aufgetragen wurden. Stahlkanten gab es nicht. Man fuhr Schuss den Steilen hinunter, musste unten gleich irgendwie eine Kurve reißen sonst landete man im Bach. Eine leichtere Bahn endete in einer Zunge im Bachgebüsch. Die Skifahrer ärgerten sich gleichermaßen über die Schlittler und die Maulwürfe, den beide verhunzten die Piste, denn es lag meist nur eine dünne Schneedecke. An Neujahr trafen sich die Neujahresanwünscher, die bei Ihren Verwandten Groschen für die Munition gesammelt hatten. Es zischte und knallte mit Heulern, Käpseles-Pfropfenpistolen und Kanonenschlägen. Nicht annähernd mit heutigem Umfang.
Richtig belegt war es an den Osterfeiertagen zum Oierbala. Erstens prachtierte man mit den Eiern, die man bekommen hatte. Dann warf man sie sich vorsichtig zu. Man probierte Spitz und Arsch. Buben mussten sich entscheiden, ob sie die Eier lieber essen wollten oder um die Wette über die Bäume werfen, wobei die Eier meist in Bäumen oder am Boden zerfledderten, egal ob Teufelchen oder Engelchen das heißt der Dotter grünlich oder goldgelb war, je nachdem wie lange sie gesotten wurden.
Um diese Zeit durfte man noch in die Wiesen, Mädchen sammelten Sträuße aus Schlüsselblumen, Gänseblümchen, Veilchen – aber ja keine Rossveilchen. Die Buben maßen Ihre Kräfte beim Spechten. Der Wieslenbach war das ganze Jahr ein idealer Spielplatz mit Garantie für nasse Füße. Da, wo heute der Kindergartenspielplatz mit seinem konstruierten Spielgeräten ist, hatten wir früher in den Bachschlingen freie Bahn, fast ohne Aufsicht, sieht man von den Bauern ab die um ihre Heuwiesen besorgt waren.
Quelle: unbekannt
Das Bombole
In der jetzigen Mönchstraße (früher Hindenburgstraße) befand sich einer der wichtigsten Kaufläden in Mittelstadt, der Gemischtwarenladen von Heinrich Knecht und seiner Frau Anna. Der Heinrich wurde von allem das Bombole genannt. Da gab es alles zu kaufen was das Herz begehrte. Nichts war verpackt, alles wurde abgewogen und in Tüten gefüllt.
An den Wänden waren viele Schubladen aus dunklem Holz, die mit Schätzen gefüllt waren, die das Bombole zu verkaufen hatte. Alles durcheinander gemischt, das störte niemanden. Nicht wie heute alles genau nach Ordnung. Hier war in jeder Schublade etwas anderes. Dadurch herrschte im ganzen Laden ein unbeschreiblicher Duft nach der Vielfalt der Dinge: Käse, Kaffee, Essig, Öl, Gewürze, Tee, Waschpulver, Seife usw. Doch wer kaufte schon Bohnenkaffee? Man kaufte Zichorie und Malzkaffee oder höchstens mal einen Schwarzen Tee. Alle anderen Teesorten hatte man ja selbst gesammelt. Und dann die Leckereien! In den großen Gläsern gab es offene Bombola zu kaufen, die meisten ohne äußere Papierle. Für 5 oder 10 Pfennig bekam man eine Tüte voll.
Obst gab es nicht viel, auch noch kein Gemüse oder Salat, das hatte man selbst im Garten. Vielleicht mal Orangen oder Bananen, vornehmlich wenn jemand krank war. Weine kaufte man auch selten, man hatte ja Moste im Keller. Und Sprudel auch nicht, das machte man mit Brausepulver oder man trank als Kind Wasser, heimlich auch Most. Butter war als ¼ Pfund zu haben, der Heinrich zerschnitt dann ein ½ Pfund Päckchen in der Mitte. Senf wurde offen aus einem großen Kübel mittels Pumpe in das mitgebrachte Glas gefüllt, für 5 Pfennige. Essig und Öl gab es ebenfalls aus einem Fass in die Flasche. Zucker, Mehl, Salz und Grieß, alles holte man offen. Der Heinrich hat alles mit Gewichtssteinen abgewogen und in braune Tüten gefüllt. Auch ½ Pfund Butter konnte man kaufen, je nachdem wie schwach der Geldbeutel war.
Der Heinrich selbst – ein seltenes, gutmütiges Original! Dauernd rief es: Anna, Anna, wo hab ich es denn? Weil er nicht finden konnte, befühlte die vier Taschen seines Arbeitsmantels von oben bis unten. Sein Gebiss hat schrecklich gewackelt und er hat immer vor sich hingepfiffen, wahrscheinlich um seine Zähne einigermaßen am Platz zu halten. Alle Leute, die großen und die kleinen, jeder kam gerne zu ihm. Immer war er freundlich und zuvorkommend und jedes Kind bekam sein Bombole.
Quelle: unbekannt
Das Wasserfräulein von Mittelstadt
Am linken Ufer des Neckars, Mittelstadt gegenüber. Da wo der Schönbuch gegen den Fluss hin ausläuft, liegt der Hof Hammetweil, bei dem in alten Zeiten der nach ein Schloss stand. In der Nähe des Hofes sah man bisweilen zwei Meerfräulein im Neckar baden, auch hörte man sie manchmal singen. Des Nachts aber kamen sie oft in die Wohnungen der Menschen und halfen bei allerlei Arbeit. Besonders gern machten sie den Teig und buken Brot, wenn man des Abends zuvor Milch, Mehl und Salz bereitgestellt hatte.
Im nahen Walddorf nannte man sie Hochzeiterinnen, weil sie am Lande stets schneeweiß gekleidet gingen; auch sah man, wenn sie aus dem Wasser gestiegen waren, dass sie ganz klein von Gestalt waren wie Kinder. Und niemand durfte sie anreden, sonst kamen sie niemals wieder. Ihre eigentliche Wohnung, hieß es, sei jedoch der Wasserfall im Märzenbach, kurz ehe er in den Neckar geht. In der Weihnachtszeit hörte man sie beständig Windeln waschen. Oft gingen sie spazieren, aber nie weiter als bis zur Mittelstädter Brücke.
Nun wohnte in Mittelstadt ein Kelternknecht; mit dem traf eines der Meerfräulein auf dem Feld zusammen und unterhielt sich mit ihm. Du bist der einzige Mann, der fähig wäre, mich zu erlösen, du musst aber in den Keller des Schlosses zu Hammetweil kommen. Dort steht eine Truhe voller Gold und darauf sitzt ein Pudel und hütet es. Diesen musst du fassen und wegheben; du darfst dich dabei nicht fürchten, wenn er auch Feuer spiet, alsdann werden Schlangen und Eidechsen an dir hinaufkriechen und dir über die Schultern und wieder den Rücken hinabschlüpfen. Du brauchst dich nicht zu ängstigen, es geschieht dir dabei gewiss nichts, wenn ich doch es selbst bin, die dir in Gestalt dieser Tiere erscheint. Wenn Du alles aufhältst, so bin ich erlöst und der Schatz im Keller ist Dein Eigentum.
So sprach das Wasserweib oft zu dem Kelterknecht und begleitete ihn dabei stets bis an die Mittelstädter Brücke. Er konnte sich aber nicht dazu entschließen und antwortete immer nur: Gott helf dir, ich kann es nicht.
Als sie sah, dass ihr Bitten umsonst sei, jammerte sie und sparach: Jetzt muss ich noch 300 Jahre schweben. Un währenddessen entstand ein gewaltiger Sturm, der entsetzlich heulte. Damit verschwand sie für immer.
Quelle: Mittelstadt in Vergangenheit und Gegenwart mit Beiträgen von Fritz Flach, Dr. Artur Röhm, Gudrun Schrägle und Konrad Steinmaier
Die Brühlbärbel
An der heutigen Gemarkungsgrenze zwischen Bempflingen und Mittelstadt, in der Gegend des Brühls, stand vor vielen Hundert Jahren eine Siedlung. Vor ihr blieb nichts erhalten als ein paar Scherben auf den Äckern – und ein Geist. Brühlbärbel heißt sie, die dort schon seit undenklichen Zeiten des Nachts durch die Felder irrt. Sie ist ein guter Geist und tut den Menschen nichts zuleide. Es kann nur sein, dass sie die Unwissenden dann und wann erschreckt, denn gerne, allzu gerne, nimmt sie den nächtlichen Wanderer bei der Hand, um mit ihm schweigend ein Stück Weges zu gehen. Wie gesagt, Uneingeweihte erschrecken dabei leicht, aber sie ist ja so harmlos.
Neuerdings lässt sie sich auch viel weniger sehen wie früher. Offensichtlich mag sie die Autoscheinwerfer nicht. Aber lange ist es noch nicht her, als ein Mittelstädter, der, von Bempflingen kommend, zu Fuß heimging, dann plötzlich vor sich auf der Straße die Brühlbärbel zu erblicken meinte. Unser ängstlicher Mittelstädter zog es vor, angesichts des schwebenden und tanzenden Geistes umzukehren, schnurstracks nach Bempflingen zurückzulaufen und seinen Heimweg über Riederich zu nehmen. Zum Glück wusste er nicht, dass es an der Gemarkungsgrenze zwischen Riederich und Mittelstadt ja auch seit eh und jeh schon einen nächtlichen Geist gibt, der früher in den Ruinen des römischen Gutshofs im Lachenhau hauste, jetzt aber nach der Ausgrabung und Zerstörung der Gebäudereste unstet in der Gegend umherirren muss, wie die heimatlosen keltischen Muttergottheiten auf dem Fröhlefeld.
Einen mutigeren Neckartenzlinger, der in einer mondhellen Nacht mit einem tüchtigen Rausch von Bempflingen aus über den Bempflinger Weg heimwankte, ließ die Brühlbärbel nicht ganz so ungeschoren wie unseren vorigen ängstlichen Mittelstädter. Vielleicht deshalb, weil die Brühlbärbel möglicherweise Betrunkene nicht so gern mag. Dieser Neckartenzlinger schwankte also über den Bempflinger Weg heimwärts in Richtung Mittelstadt. Am Brühl hatte er das deutliche Gefühl, dass Brühlbärbel immer um ihn herumtanzte, mal vor ihm, mal hinter ihm, je nachdem, wie er sich drehte und wendete (böse Zungen, die von Geistern nichts wissen wollten, behaupteten, es sei sein eigener Schatten auf der mondbeschienenen Straße gewesen).
Die Angst packte ihn jedenfalls schon ordentlich, so dass er zu laufen und schließlich zu rennen anfing, so gut es bei seinem Zustand möglich war. Aber Brühlbärbel blieb hartnäckig vor, neben oder hinter ihm, sie wich auch nicht durch sein gütliches Zureden und Schimpfen; sie blieb und schwieg. Da gab unser Bäuerlein schließlich auf, weil ihn seine Kräfte verließen, warf sich auf den Boden und rief ergebungsvoll aus: Do, Goischt, hoscht me!
Es geschah ihm trotzdem nicht viel, denn wie schon gesagt, Brühlbärbel ist ein harmloser Geist.
Quelle: Mittelstadt in Vergangenheit und Gegenwart mit Beiträgen von Fritz Flach, Dr. Artur Röhm, Gudrun Schrägle und Konrad Steinmaier
Dreschen - einst
Vorher mussten die Äcker oder auch nur der Hackteil bestellt werden. Man wollte selbst Frucht auf der Bühne haben. Viele hatten kein eigenes Zugvieh, sie mussten einen Landwirt, der etwas dazu verdienen wollte, beauftragen, das Feld zu bestellen. Der tat das mit seinem Kuhgespann, mit Pferd und Kuh, Pferd allein oder mit Pferdegespann. Mit abgezirkelten Schritten streute er möglichst gleichmäßig die Körner aus seinem umgehängten Sack auf den vorbereiteten Acker.
Alles Weitere war nun Eigenarbeit. zunächst das Distelstechen. Voller Sorge ob nicht ein Gewittersturm die Frucht hinwalze. Hagelschlag die Ähren zerfetze, begleitete man das Heranreifen. Mit Glockengeläute und Hagelabwehrraketen glaubte man Unheil abwenden zu können. Wenn die Körner hart genug gereift waren, musste alles bei der Ernte helfen. Mit dem Flügel schnitt der Schnitter das Getreide. Die anderen legten weg. Je älter die Frauen, desto penibler mussten die Reihen liegen, kein Halm durfte über den Arsch hinausstehen, man hätte sich sonst schämen müssen. Anderntags wurde um 10 Uhr gewendet, bald darauf angehäufelt, dann gebunden. Meist ein Kind legte die Garbenseile, andere legten dem Binder auf; noch eins, noch eins, aus welchem Grund auch immer, die Garben mussten schwer sein. Nicht selten kam dabei Hektik auf. Sei es, dass der Fuhrmann bald komme, umgekehrt er nicht herging und ein Gewitter am Himmel stand. Geladen hat meist der Fuhrmann. Jemand musste vor dem Vieh stehen und die Bremsen abwehren, darunter die großen Rossbremsen, die es kaum mehr gibt.
Je nach Größe des Ackers wuchs der Wagen Glegg um GIegg, die schweren Garben mussten immer höher gestemmt werden. Manche Ladekünstler luden Kisten. dass auf dem vorsorglich mitgebrachten zweiten Wagen gerade noch die Nachrechete und das Geschirr war. Diese Ungetüme mussten beim Ausfahren aus dem Acker dann kräftig mit Gabeln von mehreren Leuten g'steuberet werden. dass sie nicht umkippten, was trotzdem immer wieder vorkam und dann ein Fleckagespräch gab. Diese großen Kaliber fuhren in der Regel in die Scheune, die Dreschmaschine kam dort winters ins Haus. Wo sich das nicht lohnte, musste man sich vom Drescher einen Termin geben lassen. Oftmals kam man mitten in der Nacht dran. Der Wagen musste so lange untergestellt werden. So brauchte man nochmals einen Zug, wobei aber auch gerne ausgeholfen wurde. Zur Dreschmaschine wurde vollends geschoben. der Drescher ging vorsichtshalber selbst an die Deichsel. Es ging streng zu. Zwei Personen auf die Maschine, eine auf dem Wagen, ein wichtiger Posten war bei den Säcken. Es musste immer schön gleichmäßig eingegeben werden, wenn die Maschine brummte, gab es einen Rüffel vom Drescher. Die Schäube mussten schnell weggetragen werden, der Nächste wartete schon. War man fertig wurden schnell die vollen Säcke unten in den Wagen gelegt, dieser zum Strohhaufen geschoben und aufgeladen. Heimzu ging es zunächst ohne Zug leicht bergab. Wenn der an der Deichsel mit einem Vorderrad irgendwo anstieß, bekam er eine geschmiert oder es riß ihm gar die Deichsel aus der Hand. Es musste unverzüglich abgeladen werden. Hatte man nach so viel Aufwand die verhältnismäßig geringe Ausbeute endlich auf der Bühne. war man glücklich, man hatte für das tägliche Brot vorgesorgt. Auch die Katzen und Mäuse freuten sich, die Katzen konnten gleich dazu an Ort und Stelle ihre Sch... darin verscharren. Es war Sommer und staubig war man auch, da ging man manchmal mitten in der Nacht an den Neckar baden, z.B. am Nonnenwasen, der war gleich unter dem Dreschschuppen, da hätten die Nonnen oft ihre Augen verdecken müssen.
Zu den größeren Landwirten kam winters die Dreschmaschine ins Haus. Das war eine Aktion. War der Tennenboden uneben, musste die Maschine mit der Winde ins Wasser gestellt werden. Auch brauchte man genügend Helfer. Die Hausfrau war gefordert, sie hatte die Stube voll, sie musste die Mannschaft mit Speis und Trank versorgen, mal reichlich. mal weniger. Da soll manchmal eine Daube eines großen Mostfasses hinuntergetrunken worden sein. Das Umsetzen der Maschine war heikel, weil das Gerumpel und der große Kasten die Pferde nervös machten. Des Müller Thedels wohlgenährten Pferde gingen einmal durch, die Hofstatt hinunter und erst in Zehntrechners Hof mit Scheunentorberührung kamen sie zum Stehen. Das hätte für Menschen. Tiere und Maschine böse ausgehen können. Da gab es ein Rennen und Schreien und bleiche Gesichter und weiche Knie. Sowohl für den Säger (außer der Dreschmaschine hatte der auch eine fahrbare Holzsäge), als auch für den Thedel stand viel auf dem Spiel. Ganz zu schweigen von Unbeteiligten. Übrigens sorgten durchgehende Gespanne immer mal wieder für Unfälle und Aufregungen.
Quelle: unbekannt
Badevergnügen im Neckar
In den 1920er Jahren wird es angefangen haben, vorher wohl nicht, weil die Kinder zur Feldarbeit gebraucht wurden und nicht faulenzen durften. Allmählich setzte es dann ein, tagsüber Schulkinder. abends Lehrbuben und schon bei Nacht einige sportliche ältere Semester: kaum Frauen, wo hätten sie sich auch züchtig umziehen können. Der Hauptbadeplatz war an der .,Fall" und am Ende des Wehres. wo die wichtigen Stötzla die Wehrbretter halten. Jedem modernen Abenteuerspielplatz überlegen war der Kiesrucken mit seinem Gestrüpp, den seichten Wasserrinnen und den Gumpen, die vom Kiesabbau entstanden sind. In der Rinne direkt unter dem Wehr schwammen mitunter Barben, die man fangen wollte. Da musste der Maier Gottlieb. ein Fischer, oft fürchterlich aus seinem Stubenfenster vom gegenüberliegenden Neckarufer her schimpfen.
Zurück zum Baden. Je mehr Stötzchen man von oben schaffte, desto fortgeschrittener war man beim Schwimmen lernen. Ein Fuß auf dem Boden, den Kopf leider möglichst weit aus dem Wasser, dieser Fehler blieb bei manchem haften. Am Beginn der Mauer war Schluss der Übungsstrecke, es wurde bald tief. Der Freischwimmerschein war quasi, wenn man es schaffte, mit gehöriger Vorgabe, wegen der starken Strömung. über den Neckar zum Stäffele am Schwanenhäusle zu schwimmen. Das gelang einigen schon bevor sie zur Schule kamen!! Manche mussten dabei von den ziemlich rüden Älteren aus Seenot gerettet werden. Zu deren Ehre sei gesagt, dass während der Badesaison niemand ertrinken musste. Selbst die 4 -5 jährigen waren ohne Aufsicht. Nun gehörte man zu den Schwimmer/innen, deren Bereich vor der Betonmauer und der Fall war. Noch musste man Acht geben, dass man nicht durch den Sog an den Rechen gezogen wurde. weil man von dort nicht mehr wegkam. Rückenschwimmen war schon zügiger als Brustschwimmen, bei dem man immer noch zu steil im Wasser lag und den Kopf weit herausstreckte. Man grätschte mit den Beinen und ruderte seitlich mit den Armen. Damit konnte man schon vor dem Getunkt-werden fliehen, außerdem hatte der Angreifer die Beine vor dem Gesicht. Meist Mädchen mussten sich so helfen. Eine Spezialität war der ..Seitenschwomm". Man stieß die untere Hand vor, gleichzeitig zog die obere Hand kräftig durch und die Beine vollzogen eine Schere. Tatsächlich ging es damit ordentlich voran. Mehr eine Angabe war das praktizierte Kraulen, eine Kreuzung mit dem Brustschwimmen, aber man konnte bei jedem Zug den Kopf mit den nassen Haaren nach links oder rechts schmeißen und das sah gekonnt aus.
Besonders produzierte man sich an Sonntagen. wenn sich Zuschauer einfanden. Man köpferte in einem fort und gab auch sonst sein Bestes, bis der Vater zwanzig Pfennige herausrückte, damit konnte man beim Schwanenwirt Christian bzw. seiner Kathre eine Rote mit Wecken kaufen, die man dann genüsslich auf dem immer gut besetzten Stangenlager der Fa. Röhm verdrückte. Wollte man eine längere Strecke schwimmen, schlitterte man das Wehr hinauf zum Sportplatz. Oft gab es unterwegs eine Schlacht mit Algenbatzen, jeder gegen jeden, so dass man bald total geschwärzt war. Hatte eine Gruppe mal einen sportlichen Anfall, ging es im Dauerlauf in die Schütte hinaus. Dort ging es gesetzter zu, man lagerte beschaulicher auf Teppichen. An der Fall tat man das auf den knallheißen Betonröhren, vorausgesetzt man durfte gnädigst hinauf. Gebadet im wörtlichen Sinne wurde auch, vornehmlich Sonntagmorgens. Man seifte sich demonstrativ gründlich ein, um sich dann prustend ins Wasser zu stürzen.
So ganz ungetrübt war das Vergnügen nicht für alle. Der Einstieg über die Fall war ein Zwangspaß. Da saßen mitunter Kerle, die je nach Laune Mädchen oder schwächere Buben über die Fall hinunter schmissen. Sie freuten sich daran, wie diese mehr oder weniger schnepfend dem Ufer zustrebten. Aufsicht war beim ganzen Geschehen ein Fremdwort.
Quelle: unbekannt
Brunnengedicht vom Lodenberg
Im Lodenberg, im Lodenberg, da wär's gar hübsch und nobel,
doch immer ist die Wassernot, beim Schuster wie beim Strobel.
Lange hat man sich besonnen ,wie man bekomme einen Bronnen;
den stärksten Mut der Martin führt, im Keller hat er's zuerst probiert.
Er verlocht sich metertief, doch was ist's das ihn betrübt?
Felsen treten zu Gesicht, doch der Martin fürcht sich nicht.
Er läuft zum Widmann wie ne Wanze und kauft sich Pulver, das ist's Ganze.
Kaum ist der erste Schuss gemacht und bompf, was hat denn so gekracht?
Die Kellerstiege nicht mehr steht, die Türe aus den Kloben fährt.
Hat es ein rechtes Loch gerissen? frägt das Dorle ganz beflissen.
Auch der Schendelmacher oben, kam vom Knall herangezogen.
Weil's ihn auch nach Wasser dürst, denkt er es sei seine Pflicht.
Doch was fällt dem Schuster ein? Der hätt Wasser und wir kein's.
Martin lass doch sein das Graben, wir wollen alle Wasser haben.
Lass doch gleich die Arbeit stehen, wir wollen insgesamt mal sehen.
Wir wollen einmal einig sein und fragen, was tut die Gemeinde tragen
Du hast recht und s' ist auch wahr, mein Pulver ist schon wieder gar.
Du kannst ja alle heut noch fragen, was sie zu dieser Meinung sagen.
Und der Schuster bracht es fertig, dass die Leute alle prächtig
von dem Lodenberge kamen und unterschrieben ihre Namen.
Der Beschluss war so gefasst, wenn ihr grabt und Wasser habt,
soll die Pumpe auch nicht fehlen, sagten die Gemeinderäte.
Jetzt kommt der Brunnen ganz famos, in des Schütz- und Wartmanns Hof.
Danerele sich göttlich freut, weil's Bronnaziel jetzt ist erreicht,
ond sie jetzt ungeniert und keck, beim Schütza s'Wasser hola deff.
Au d'Nähre sait, mi freit des freile, weil i mir später kauf a Gäule,
ond no ens Wasser hau et weit, no heirot mi der Christian Veit.
S'Gretle zeigt fei au no Leaba, weil sui hot da Platz hergeba.
Auch em jonga Knecht sei Frau sagt, do nehm i's net genau,
nur et graba an deam Loch, zahlen will ich gerne doch.
Und der Gottlob von dem Feld, stellt sich ein als Bronnenheld.
Bloß die Zahlung fällt ihm schwer, weil er fürcht den Berg so sehr.
Doch mein Haus gilt ziemlich weiter, unterschreibt der Gottlob heiter.
Obschon der Gallus lag im Bett, hat er sich nicht zur Wehr gesetzt
Weil's Protokoll war nach Belieben, hat er es willig unterschrieben.
Endlich wird es einmal wahr, und am zwölften Januar
Martin nun den Zirkel fasst und den Kreis zum Brunnen macht.
Und jetzt geht's von neuem los, bombenieren das ist groß.
Doch einmal ging es nicht korrekt, weil's Loch nicht war zugedeckt,
und der Schuss, der war nicht klein, er schlug dem Strobel s'Dach hinein.
Bei jedem Schuss Herr Widmann lacht und tritt hinzu zum Brunnenschacht.
Er ruft den Unterird'schen zu und lässt den beiden keine Ruh.
Mach diesen einen Schuss hinein, mein Pulver reißt, darfst sicher sein.
Selbst der Kiefner an dem Bock zieht das Seil, dass s'Gschäft net stockt.
Er leert die Kübel öfters aus und endlich zieht er Wasser rauf.
Und die Hoffnung ist jetzt do, dass der Brunnen bald voll stoht.
Der Brunnen soll uns recht ergötzen, wir wollen eine Pappel setzen.
Weil an dem Brunnen wird viel gelappelt, wird hingesetzt eine Pappel.
Jeder kann nun leicht erraten, warum wir den Namen Pappelbrunnen gaben.
Des ist s'Lied vom Bronnagschäft.
Prosit heut ist s' Wasserfest!
Quelle: Fr. Brendle und K. Wartmann ; Mittelstadt a. N. , den 2. Februar 1901
Die Monate vor dem Ende des 2. Weltkrieges
Obwohl miterlebt, kann man sich heute an die turbulente Zeit mit den sich überstürzenden Ereignissen nur noch lückenhaft erinnern. Alle Bereiche litten unter dem Druck. der von Endsiegfanatikern dem Volk in schon lange aussichtsloser Lage unter Androhung von in Schnellgerichten angeordneter Erschießung auferlegt wurde.
Diesen Zwängen war auch ein einst beliebter örtlicher Funktionär nicht gewachsen, er wurde ein völlig anderer Mensch, wie man ihn nicht kannte. Die Tage waren geprägt durch Fliegerangriffe. Weil es praktisch keine Abwehr mehr gab, verbreitete das Dröhnen der riesigen Bomberverbände schon am helllichten Tag Angst und Schrecken. Man sah sie bisweilen in der Sonne glitzern. Sie luden ihre zerstörerische Bombenlast zwar konzentriert auf Städte ab, aber einzelne Bomber ließen sie auch in der Fläche willkürlich fallen, so dass man nirgends sicher sein konnte. Daneben waren es meist acht Jagdbomber, die überall auch mit ihren Bordkanonen Ziele beschießen konnten. Denen viel Erich Fauser zum Opfer, der mit seinem Omnibus Arbeiter geführt hatte. Auf ein Kuhgespann im Hardt fiel auch eine Bombe, die aber glücklicherweise das Ziel verfehlte, so dass Personen und Tiere mit einem gehörigen Schrecken davon kamen.
Man stelle sich heute diese allgegenwärtige Gefahr vor. Schon seit längerem flatterten Flugblätter vom Himmel, sehr zum zusätzlichen Ärger der Funktionäre, die schon schlimme Strafen für das Abhören von Feindsendern in den verdunkelten Stuben zu nächtlicher Stunde androhten. Die Flugblätter sollten unverzüglich eingesammelt, aber möglichst nicht gelesen geschweige denn weitergegeben werden. Diese verzwickte Lage hat damals einen Jungen so beschäftigt, dass er bis heute den Text, den er auswendig gelernt behalten hat. Er lautete: ..
Wem die Stunde schlägt, und sie wird schlagen, dann wird es auch die Stunde der Vergeltung sein. Die Naziverbrecher werden in jedem Land, in dem sie gefrevelt haben, vor Gericht gestellt werden. Auf dass für künftige Zeiten eine unauslöschliche Warnung ergehe und kommenden Generationen sagen möge: Wer das tut, was jene taten, soll vergehen. Schwarze Liste für schwarze Schmach!"
Winston Churchill
Lange Zeit habe er damals große Angst gehabt, er habe ja den Text dummerweise weitererzählt und damals gab es leider nicht wenige Denunzianten. die manch einen feige ans Messer geliefert haben.
Quelle: unbekannt
Der Nationalsozialismus durchdringt das dörfliche Leben
Um 1933 zeichnete sich ein Ausweg aus der wirtschaftlichen Misere mit den vielen Arbeitslosen ab. den sich die Nationalsozialisten zuschrieben und propagandistisch verkauften. Der Boden für eine zunehmende Akzeptanz war bereitet, der Arbeitsmarkt eröffnete unerwartete gute Aussichten. Da wurde verdrängt, dass Bürger in einer Nacht und Nebelaktion abgeholt und auf den Heuberg gebracht wurden, sie kamen ja nach zwei Monaten wieder. Dass unliebsame Vereine und Organisationen, als dem Aufschwung im Wege, aufgelöst wurden. Das geschah auch in unserem Ort, die anfänglichen Wunden verheilten allmählich oder wurden wohlweislich still ertragen.
Im ganzen Reich wurde alles gleichgeschaltet. Bald hieß es auch nicht mehr "Grüß Gott" oder "Guten Tag-, zumindest auf dem Rathaus oder in der Schule _Heil Hitler mit erhobener Hand: je nach Überzeugung stramm gestreckt oder mehr oder weniger irgendwie angedeutet. Das ungeheuerliche Wesen des Regimes konnte man nicht erahnen und so nahm man es auch mit einer gewissen Heiterkeit zur Kenntnis. wenn plötzlich Personen ihrer alltäglichen Arbeit in Uniform mit Hakenkreuzbinde nachgingen, Goldfasane genannt, aber tunlichst hinter der Hand., denn die verstanden keinen Spaß. Bald konnte sich kein Haus mehr erlauben, bei diversen Anlässen ohne Hakenkreuzfahne geschmückt zu sein. (In der textilarmen Nachkriegszeit taugte das rote Fahnentuch wenigstens noch für Röcke der Volkstanzgruppe des Schwäbischen Albvereins). Uniformen waren aber bald ein alltägliches Bild. Sie wurden getragen, wenn man Dienst hatte, z. B. beim Jungvolk. stellvertretend für andere Gruppen hier aus der Erinnerung versucht anzuführen.
Mit zehn Jahren wurde man als Pimpf in den örtlichen Jungzug aufgenommen. Keine Familie konnte es sich leisten, ihren Jungen nicht dahin gehen zu lassen, zumal der Bub das in der Regel wollte. Da gab es einen Jungzug. Eine Untergliederung des Fähnleins, ein Riedericher Lehrer war ein Fähnleinführer. Oft bekam man beim Eintritt von den Eltern nicht gleich die korrekte Uniform: Braunes Hemd. schwarze Cordsamthose. Koppel mit Jungvolkabzeichen im Schloß. Schulterriemen, schwarzes Halstuch mit Lederknoten, winters schwarze Überfallhose. statt Schiffchen eine schwarze Schildmütze. dass die Eltern das nicht einsehen wollten. Nun durfte man exerzieren, man sah das ja bei den Soldaten, die hin und wieder zur Einquartierung kamen und Vorbilder waren. Im ..Dienst" wurde viel Sport getrieben. der Führer wünschte die Jugend „Hart wie Kruppstahl, schnell wie Windhunde und zäh wie Leder. Also legte man das Sportabzeichen ab. kämpfte bei den Reichsjugendspielen um eine Siegerurkunde. Bei Geländespielen hing das Leben an einem roten Wollfaden. Auch die ..Generalität- in Form des Jungbannführers kam zur Inspektion. Der Dienst umfasste auch Kartenlesen. mit dem Kompass umgehen. Geländeskizzen zeichnen. Tornister packen einschließlich den Teppich richtig eingerollt umschnallen. Feuerstellen anlegen, sogar mit dem Kleinkalibergewehr schießen. Alles fand seine Krönung in Zeltlagern. einmal weitab am Titisee. da konnte man sogar ..Feldpost" bekommen. So was hätten sich die meisten Familien nicht leisten können.
Mittwochs war regelmäßig Dienst. aber das Jungvolk beschäftigte die Buben darüber hinaus. die mit Eifer bei der Sache waren. wurden sie doch von oben wohlwollend anerkannt und unterstützt. War man dann z.B. beim Aufmarsch am Tag der Arbeit mit dabei. empfand man schon Stolz in der Kolonne hinter dem Jungvolkfanfarenzug.
So wurde die Jugend systematisch vom Nationalsozialismus vereinnahmt und begeistert. Über dem Jungvolk folgte die Hitlerjugend (Flieger HJ. Motorrad HJ. Marine HJ), die braune SA, die schwarze SS. die OG der NSDAP. die Arbeitsfront, Bauernverband usw. Beim weiblichen Geschlecht gab es die Jungmädel, den BDM. Frauenverbände. Die Jugend war fest im Griff. jedoch taumelte fast das ganze Volk mit, bestärkt durch die boomende Wirtschaft, die sportlichen Erfolge. die entstandene militärische Macht. die den Versailler Vertrag wegwischte.
Mahnende Stimmen waren brutal ausgemerzt und die Menschen hatten ja noch die Not der 20er Jahre vor Augen. Der 2. Weltkrieg brachte dann die grauenhafte Ernüchterung.
Quelle: unbekannt
Die Milchzentrale
Früher gab es Milch nicht im Laden sondern in der Milchzentrale. in der auch die Bauern, größere aber meist solche mit einer. zwei auch drei Kühen ihre Milch ablieferten. Die Haushalte haben dort ihre Milch geholt. Sie war im Haus eines Wagners oberhalb des leider auch verschwundenen Badbrunnens, wo jetzt die Parkplätze vor der Turnhalle sind, im Untergeschoß untergebracht. Zuvor musste man zum Bayer Richard ins Haus und an einem festgelegten Termin die Milchmarken erwerben. Ganz Mittelstadt musste zum selben Zeitpunkt die Marken holen und es herrschte ein unbeschreibliches Gedränge, jeder wollte zuerst drankommen.
Im hinteren Raum wurde die Milch in großen Kannen angeliefert. Sie lief durch Zentrifugen und Leitungen in den vorderen Verkaufsraum, wo sie aus zwei Hähnen in die mitgebrachten, meist 2 I Aluminiumkannen abgefüllt wurde. Die nicht verkaufte Milch wurde nach Reutlingen geliefert. Ein Hahn war für Vollmilch, der andere für Magermilch.
Auch hier war eine Druckete, weil die Kinder und vor allem Jugendliche Zeit schinden wollten. Die Frauen schimpften, aber man wollte miteinander schwätzen, es war hier ein regelrechtes Kommunikationszentrum. Man war in Zeitdruck, die Eltern waren besorgt um ihre Kinder, es hätte ja ein böser Junge das Mädchen verrühren oder ein Junge unerwünscht anbandeln können. Wer weiß ob doch? Trotzdem, vor allem abends vor der Milchzentrale traf sich die Dorfjugend viele Jahre lang jeden Tag.
Quelle: unbekannt
Sommer am Neckar
Das Schönste am Sommer waren die warmen Tage an denen man im Neckar baden konnte. Der Badeplatz in der "Schütte' wurde sehr gerne angenommen. Auf der gegenüber gelegenen Pliezhäuser Seite dasselbe muntere Treiben. Auf der Mittelstädter Seite waren die "Gansfüsse", auf der Pliezhüuser Seite die "Sandsäcke". Mitte Neckar war die Grenze, die man immer einhalten mußte und so beschimpfte man sich halt gegenseitig.
Die Mittelstädter waren etwas fortschrittlicher, denn an der steilen Uferböschung war eine Holztreppe und ca. 40 Meter unterhalb eine zweite. Das Wasser ging uns etwa bis zum Bauch.
Ein schöner Zeitvertreib war immer auch das Spiel: Man stellte sich im Kreis im Wasser händehaltend auf und sang: Die Tiroler sind lustig, die Tiroler liegen sind froh, sie verkaufen ihre Federn und liegen auf Stroh. ... Am Schluß des Liedes tauchte man unter husten und prusten wieder auf. Zum Trocknen legte man sich auf die Wiese. Zuvor aber bewaffnete man sich mit einem belaubten Zweig zum Abwehren von Mücken, Schnaken und Bremsen. Die Mädchen lösten ihre Zöpfe auf und trockneten ihre nassen Haare in der Sonne.
Auch im Ort, am Neckarkanal der Mühle bzw. Elektrizitätswerk herrschte reger Badebetrieb. Das Bild zeigt die Kanalmauer mit der Stellfalle, wo die geübten Schwimmer sich aufhielten. An der seitlichen Mauer befindet sich (auch heute noch) eine Fischtreppe. In deren 5 oder 6 Treppenstufen konnte man nach Herzenslust planschen und sich von den Wasserstrahlen berieseln lassen.
Dann war (und ist noch heute) das Wehr im Anschluß an die Kanalmauer. Hier war die Wassertiefe geeignet zum Schwimmenlernen. Als Schwimmhilfen benützte man gerne aufgeblasene Fahrrad- oder Autoschläuche. Eine sehr begehrte Schwimmhilfe waren auch Schwimmgürtel. Das sind Korkteile etwa 15 x 8 x 5 cm an einer Schnur befestigt, die um Brust und Rücken gebunden einen Menschen sicher tragen können. Leider waren nur wenige Privilegierte Besitzer eines solchen heißbegehrten Teiles. Weniger angenehm waren die kleinen Blutsauger, die sich den Badenden im Wasser an den Körper hefteten.
Dann gab und gibt sie heute noch, die Schafskälte. Das ist ein Kälterückfall zwischen dem 10. und 20. Juni. Ebenso die Hundstage, das ist die heißeste Zeit von Ende Juli bis Ende August. Während Letzterer können sich beim Baden "Hundsblasen" am Körper bilden.
Zum Umziehen ging man ins Gebüsch, Wertsachen wie Schmuck hatte man sowieso zum Baden nicht dabei, auch keine Armbanduhr, denn die Kirchturmuhr zeigte an wenn es Zeit war nach Hause zu gehen. Ein beliebtes Spiel war auch: In gebückter Haltung flache Kieselsteine vom Ufer aus so übers Wasser werfen, dass der Stein hüpfend und möglichst viele Kreise bildend, untergeht.
Ein weiterer Badeplatz war bei der alten Neckarbrücke den "Ledigen" vorbehalten. Von wegen Bikini, die weiblichen gingen im Kleiderschutz (vom Hals bis unters Knie) ins Wasser. Zu berichten wäre noch, dass sonntagmorgens die Bauern ihre Ackergäule in den Neckar ritten. Versehen mit Eimer, Bürste und Striegel verschafften die Besitzer oder angeheuerte junge Burschen den verschwitzten Gäulen eine willkommene Erfrischung. Sichtlich erleichtert trabten sie nach dem Bad den Gieß hinauf heim in ihren Stall.
Die Schafwäsche im Neckar war jedes Frühjahr ein besonderes Ereignis. Vor der Schur ist es nötig und wichtig, den gröbsten Schmutz aus dem Fell zu waschen. Zu diesem Zweck baute man einen Steg im Wasser am Neckarufer. Die Tiere wurden einzeln ins Wasser bugsiert (geschuckt), wo sie von den Männern tüchtig gerubbelt und geschrubbt wurden. Danach kamen die Schafe in den Stall zum Trocknen.
Der Natur—Abenteuerspielplatz "Kiesrucken" zieht wie eh und je die Dorfjugend an, vorausgesetzt ein reinigendes Hochwasser hat die Tümpel ausgewaschen und die Sanddünen freigelegt. Zuweilen entdeckt man interessantes Strandgut. Zum Sommer am Neckar gehörte in den 40er Jahren euch das Nachen fahren. Auf der Häuserseite der Neckarstraße war ein Holzsteg befestigt, daran waren 5 bis 6 Ruderboote mit Ketten angebunden. Diese Boote konnte man stundenweise mieten. Die Benützer mussten einige notwendige Bedingungen einhalten: Fahrt auf eigene Gefahr, im Boot nicht schaukeln, kein Platzwechsel während der Fahrt. Mit Nr. 4 Zum Schluß noch eine Ermahnung wie man sie immer wieder hören kann wenn Kinder an den Neckar gehen: "Geh ja nicht zu nahe ans Wasser sonst zieht dich der "Hoga—Maa" (Hakenmann III) hinein.
Wenn die Badezeit vorbei ist gehört der Neckar wieder den Enten, Gänsen und Schwänen.
Quelle: unbekannt
Necknamen
In Mittelstadt gab es früher im Großen und Ganzen zweierlei Bewohner: »Neckergees« und »Schmittlesfüchs«. Die anderen zählten nicht, da es für sie keinen Übernamen gab. Alle Mittelstädter jedoch vereinigten sich unter dem überall bekannten Begriff »Geesfüeß«. Sie bewiesen Humor und machten den Gansfuß sogar zu ihrem Gemeindewappen. Für die Bewohner der Nachbarorte hatten die Mittelstädter aber auch natürlich alt-bewährte Necknamen zur Hand, wenn es einmal sein mußte: Die Riedericher waren die »Zigainer«, die Neckartenzlinger »Kropfschella«, die Reichenecker »Schneiträppler«, während man die Pliezhäuser »Blonza« oder »Sandsäck« schimpfte. Die Häslacher galten als »Esel«. Die Neckartailfinger trugen den etwas hochgestochenen Necknamen »Universitätler« und die Bempflinger standen im Ruf, »Hog -ond Haifa-scheißer« zu sein. Die Sondelfinger hießen Mondspritzer« und die Metzinger sehr sinnig »Krauthaiptle«. Heute sind diese urwüchsigen Übernamen leider fast vergessen.
Quelle: Mittelstadt in Vergangenheit und Gegenwart mit Beiträgen von Fritz Flach, Dr. Artur Röhm, Gudrun Schrägle und Konrad Steinmaier
Die unheimliche Pliezburg
Alte Mittelstädter wollen in ihrer Kinderzeit noch aufrechtstehendes Gemäuer vom Keller der ehemaligen Pliezburg gesehen haben. Ein finsteres Tor mit einem anschließenden dunklen, halbverfallenen Gang soll in den Keller hineingeführt haben, in dem der Schatz der früheren Burgherrn in einer schweren Kiste verwahrt gelegen haben soll. Keiner von den Mittelstädtern und Pliezhäusern hat sich dem Hörensagen nach jedoch je in den Keller hineingewagt. Vielleicht war es die Angst vor dem Pudelhund, der auf der Goldkiste gesessen haben soll, um sie zu bewachen. Der Sage nach hätte man den Pudel mit einem lächerlichen Haselnußstecken verjagen können, um in den Besitz des Goldschatzes zu gelangen. Vielleicht hat das auch einmal einer getan, denn bei der Sprengung dieses erwähnten Kellergewölbes im Jahre 1957 hat man trotz eifriger Suche weder Reste des Pudelhundes noch der geheimnisvollen Goldkiste entdecken können.
Gespukt hat es im Schelmenwald, das ist die Gegend, in der sich die Pliezburg befand, natürlich auch in jeder Nacht. Mittelstädter, die des Nachts von Pliezhausen nach Mittelstadt laufen mußten, taten dies nur mit großem Grausen.
Einmal nachts, gegen 12 Uhr, war noch ein Pliezhäuser Bauer, mit seinem Fuhrwerk von Mittelstadt kommend, auf dem Weg nach 1 lause. Und, hols der Kuckuck, plötzlich war, wie erwartet, ein Surren in der Luft; die Pferde blieben wie angewurzelt stehen und wollten keinen Schritt mehr weitergehen. Nach langer Zeit, als sich die Pliezburggeister wieder in ihr verfallenes Gemäuer zurückgezogen hatten und die Luft wieder ohne Surren war, bequemten die Gäule sich, endlich ihren Weg fortzusetzen.
Um die Jahrhundertwende wurde das Dorf selbst auch von argem Spuk heimgesucht. Aber der war nicht echt, wie sich erst später herausgestellt hat. Volontäre vom Hofgut Hammetweil hatten, als Gespenster verkleidet, mit den abergläubischen Mittelstädtern derbe Späße getrieben. Im Übrigen spukte es früher auf den Mittelstädter Feldern natürlich überall und zu allen Zeiten. Denn nach dem Volksglauben mußte nämlich derjenige, der einen Markstein versetzt hatte, auf ewig nach dem Tode auf der Markung geistern.
Quelle: Mittelstadt in Vergangenheit und Gegenwart mit Beiträgen von Fritz Flach, Dr. Artur Röhm, Gudrun Schrägle und Konrad Steinmaier
Wurst-Hansjörg
Wurst-Hansjörg war der Sohn eines Mittelstädter Webers. Er ging seiner täglichen Arbeit treu und fleißig nach — bis er zum Militärdienst nach Straßburg eingezogen wurde.
Die Soldatenzeit schenkte ihm die Erfahrung, daß man auch ohne tägliche Mühe und Plage ganz schön und bequem durchs Leben kommen kann. Nach Beendigung seiner Dienstzeit wieder in sein Heimatdorf Mittelstadt zurückgekehrt, hatte er allen Geschmack an der Arbeit verloren. Er machte von nun an einen weiten Bogen um sie und gab sich süßem Nichtstun hin. Sein Auskommen hatte er trotzdem, denn die Mittelstädter schenkten ihm, was er zum Leben brauchte, ohne daß er darum betteln mußte. Wurst-Hansjörg wurde dadurch niemandem lästig; ja er konnte es sich sogar leisten, einige Häuser mit Mißachtung zu strafen, indem er von ihren Besitzern trotzig keinerlei Almosen mehr annahm — weil sie ihn gekränkt hatten.
Natürlich gab es auch einige mit pädagogischem Ehrgeiz begabte Leute im Dorf, die ihn gerne wieder auf den tugendhaften Pfad der schweißtriefenden täglichen Arbeit geführt hätten, wie zum Beispiel Georg Röhm aus der Mühle. Dieser versuchte ihn eines Tages zu überreden, doch bei ihm in der Mühle sein Brot zu verdienen. Röhm fügte zum Schluß noch an: »Hansjörg, Arbeit macht das Leben süß.« Worauf Wurst-Hansjörg mit beiden Händen und einem geradezu angewiderten Gesicht abwehrte: »Oh, Herr Röhm, i mags et so süß!« Hansjörg wünschte keine Arbeit, er wollte nur seinen Frieden.
Quelle: Mittelstadt in Vergangenheit und Gegenwart mit Beiträgen von Fritz Flach, Dr. Artur Röhm, Gudrun Schrägle und Konrad Steinmaier
Radfahren verboten
Ein anderes Mittelstädter Original aus den ersten drei Jahrzehnten dieses Jahrhunderts war der Steinbruchbesitzer Gustav Stückle. Begabt mit Witz und großer Schlagfertigkeit, vermochte er in den schwierigsten Situationen zu bestehen. Schultheiß und Gemeinderäte konnte er »besonders gut leiden«.
Sein beißender Spott traf seine Feinde stets haarscharf und oft gelang es ihm, nur durch eine Geste die für ihn verachtungswürdige Bürokratie der Lächerlichkeit preiszugeben. So eines Tages, als die Gemeindeverwaltung im Gieß ein Schild anbringen ließ, das die Aufschrift trug »Radfahren verboten«. Es gab nun aber im ganzen Dorf überhaupt nur erst zwei Fahrräder, eins besaß der Kaufmann Widmann, das andere eben Gustav Stückle, der nun geradenwegs auf das Schild zuradelte. Er stieg ab, um zu sehen, was die Gemeindeverwaltung auf dem Schild kundzutun hatte, las, stutzte, staunte, lächelte dann verschmitzt in sich hinein, nahm sein Fahrrad auf die Schulter — und trug es ins Dorf hinein. Die Lacher waren wieder einmal mehr auf seiner Seite.
Eines Tages hatte Gustav Stückle einen Gemeinderat einen Lumpen geheißen. Dieser fühlte sich zutiefst gekränkt und verklagte ihn. Vor dem Gericht in Urach versuchte man, unserem Gustav Stückle klarzumachen, daß es nicht angehe, einen Gemeinderat derart zu beleidigen. »Ja«, fragte Stückle schlau, »darf man denn wenigstens zu einem Lumpen auch Herr sagen?« Doch, das dürfe man freilich, bekannten die Richter lachend. »Also, dann—ade, ihr Herren«, sagte Gustav Stückle, nahm seinen Hut und ging.
Quelle: Mittelstadt in Vergangenheit und Gegenwart mit Beiträgen von Fritz Flach, Dr. Artur Röhm, Gudrun Schrägle und Konrad Steinmaier
Aus einem alten Protokollbuch
Mittelstadt, den 5. Juni 1892 »Es wurde der Wunsch rege bei der neu eingeteilten Feuerwehr, daß wieder eine Kasse errichtet werden sollte, da die ausgeschiedene Feuerwehr die bisherige Kasse vollständig versoffen und nichts als das Kassenbuch hinterlassen hat ... obwohl sie bis dato nichts einbezahlt, haben sie die Kasse, an welche sie keinen Anspruch haben durch Verbrauchen, auf solche Weise dennoch aufgebraucht und sind dann aus der Feuerwehr ausgetreten. Es wurde beschlossen, das Kassenbuch vom Oberamt revidieren zu lassen . . .«
Quelle: Mittelstadt in Vergangenheit und Gegenwart mit Beiträgen von Fritz Flach, Dr. Artur Röhm, Gudrun Schrägle und Konrad Steinmaier
Die Weihnachtsgans
Zum hiesigen Pfarrer, der wie wir wissen, zwei Dörfer zu betreuen hat, kam vor Jahren anfangs Dezember nach einem mittäglichen Religionsunterricht ein Bauernbub, der in dieser großen Kirchengemeinde sein Elternhaus hatte. »Herr Pfarrer«, sagte der Bub, »meine Mutter läßt fragen, ob Sie zu Weihnachten eine Gans von uns möchten.« Der Pfarrer, an sich gar nicht bestechlich, meinte: »Na ja, das wäre ganz schön, damit würdest Du uns schon eine Freude machen.« Der Bub versprach, die Gans rechtzeitig zu Weihnachten ins Pfarrhaus zu bringen.
Der Herr Pfarrer verständigte seine Frau, und die wars zufrieden, diesmal keine Gans kaufen zu müssen.
Weihnachten nahte; es wurde Heiligabend, und die Gans kam nicht. Das Fest mußte schließlich ohne Gänsebraten gefeiert werden. Auch nach Weihnachten ward keine Gans ins Pfarrhaus gebracht. Erst gegen Ostern wagte der Herr Pfarrer, den Bub zu erinnern: »Deine Mutter hatte uns doch durch Dich zu Weihnachten eine Gans versprochen.« Der Bub druckste ein Weilchen hin und her und brachte es aber dann doch noch heraus: »Herr Pfarrer, die Gans ist wieder gesund geworden.«
Quelle: Mittelstadt in Vergangenheit und Gegenwart mit Beiträgen von Fritz Flach, Dr. Artur Röhm, Gudrun Schrägle und Konrad Steinmaier
Robinsonade
Mit schweren Gummistiefeln angetan, hatten sich am Samstag, dem 13. Dezember 1958, um die Mittagszeit, als der Neckar noch ruhig dahinplätscherte, quer durchs Wasser hindurch 2 Angler zum sogenannten »Kiesrücken«, einer kleinen Insel im Neckarbett, begeben, ihre Angel ausgeworfen und in aller Ruhe Fischlein um Fischlein aus dem Neckar herausgeholt. Sie waren durch ihr Tun so von allem Geschehen abgerückt, daß sie gar nicht merkten, wie im Laufe des Nachmittags durch die anhaltenden Regenfälle der Neckar immer höher und höher stieg und schließlich die Gestade des Inselchens immer enger umspülte. Der Neckar hatte sich allmählich in einen reißenden Fluß verwandelt. Und als die beiden wackeren Angler nun versuchten, wieder an das rettende Land zurückzukehren, war er bereits so hochgestiegen, daß sie nicht mehr zurückkehren konnten. Vom anderen Ufer aus wagte man es auch nicht mehr, den Jüngern Petri mit einem Nachen zu Hilfe zu kommen, so daß sie schließlich als einsame »Robinsone« auf ihrem Eiland abgeschnitten blieben.
Inzwischen war es Nacht geworden. Der Neckar stieg weiter an. Eine Verständigung mit den Leuten drüben auf der Straße war nicht möglich, weil ein zu starker Wind wehte. Doch hatte man von dort aus gemerkt, in welche Verlegenheit die beiden Forellenfänger geraten waren. Man mußte sich kurz entschließen.
Es gab nur eins: Die Feuerwehr in Reutlingen alarmieren, die den Bedrängten vielleicht zu Hilfe kommen konnte. Diese rückte mit einer großen Drehleiter an und fuhr sie gegen das Inselchen aus. Ein Feuerwehrmann stieg nach oben und versuchte von dort, den »Fischern« Seil und Gurte zuzuwerfen, was nach einigen vergeblichen Versuchen schließlich auch gelang. Kaum hatte sich der erste der beiden »Schiffbrüchigen« angeseilt, als von drüben durch Lautsprecher das Zeichen kam: »Jetzt gehts los!« Die Leiter wurde gedreht, und der Mann plumpste ins Wasser, wurde wieder hochgezogen und schließlich mit vereinten Anstrengungen zum rettenden Ufer herübergedreht. In ähnlicher Weise gelang es anschließend, auch den zweiten Angler von der Insel herüberzuholen.
Für den Spott brauchten unsere beiden Angler nicht mehr zu sorgen.
Quelle: Mittelstadt in Vergangenheit und Gegenwart mit Beiträgen von Fritz Flach, Dr. Artur Röhm, Gudrun Schrägle und Konrad Steinmaier
Fauser Emmi Haus
Als ich auf der Home-Page das alte Foto der Neckartenzlinger Straße sah, auf dem das Haus der "Fauser Emmi" abgebildet ist, fiel mir eine Geschichte ein und ich musste lachen...
Ich selbst war zu dieser Zeit erst 4 Jahre alt und kann mich nur noch blass erinnern, aber meine Mutter erzählt sie bis heute gerne bei Familienfesten:
Wir, das sind meine Eltern und mein 1 Jahre älterer Bruder Frank, haben 1963 in der damaligen Beethovenstraße (heute Uracher Straße) unser neues Haus bezogen. Wir hatten bis dahin in Stuttgart gewohnt und waren entsprechend "städtisch"...
Es gab damals bereits große Kaufhäuser mit Rolltreppen, die Frank und ich spielend eroberten. Mehrspurige, ampelgesteuerte Straßen gehörten für uns zum Alltag. Das Landleben jedoch war uns Kindern fremd. Noch heute schaudert es mich, wenn ich an die Särge denke, die von Nagel-Gottlobs kräftigen Pferden auf einer Kutsche mit Baldachin und schweren dunkelroten Samtvorhängen zum Friedhof gefahren wurden. Oder die furchterregenden Truthähne auf meinem Schulweg! Obwohl diese eingezäunt waren, fürchtete ich mich derart, dass ich vor dem Zaun anhielt, Anlauf nahm und so schnell ich konnte an dem Gatter vorbei raste. Auch deshalb, weil man mir erzählt hatte, dass Truthähne alles Rotfarbige "angreifen" würden....
Ich trug übrigens sehr lange ein schickes rotes Mäntelchen!
In dieser Anfangszeit ging nun unsere Mutter mit uns Kindern zur "Fauser Emmi" in der Neckartenzlinger Straße. Treppe hoch, links und gleich wieder links, durch die Küche mit dem Ofen, daneben ein Hundekörbchen mit einem dicken Dackel und erst danach waren wir in einem winzig kleinen Laden. Eine schier unglaubliche Pracht an Farben, Stoffen, Wolle, Kurzwaren, Krimskrams und Töpfchen, gestapelt bis unter die Decke, tat sich uns auf. Ein Geruch von altem Stoff, Süßigkeiten, Seifen und Gemüsesuppe hing in der Luft. Hinter dem Ladentisch eine alte Dame mit weißen Haaren, krummen Fingern und fast genauso groß wie wir Kinder. Wir waren begeistert! Wir konnten uns nicht satt sehen. Als unsere Mutter ihre Einkäufe erledigt hatte, durften wir Kinder aus einem offen auf dem Ladentisch stehenden Topf ein süßes Gummi-Cola-Fläschle nehmen. Unserer Mutter hatte es aus hygienischen Gründen zwar gegraust, sie konnte den Griff in den Topf aber nicht mehr verhindern. Kaum waren wir wieder draußen auf der Treppe, haben Frank und ich mit großen, leuchtenden Augen wohl gefragt: "Mama, wann gehen wir mal wieder in dieses Kaufhaus?"
Keine Rolltreppe, kein Stuttgarter Kaufhaus konnte uns derart erfreuen, wie ein Besuch im "Fauser-Emmi-Kaufhaus"... Das blieb auch so, bis Frau Fauser ihren Laden verlegen musste und einen neuen gegenüber dem Milchhäusle eröffnete. Der war zwar auch schön, aber es war halt kein "Kaufhaus" mehr...
Ellen Idler geb. Eberle
