Die Römer
Die Römer in Mittelstadt – Leben am Rand des Imperiums
Als die Römer vor rund 2.000 Jahren ihren Einfluss bis nach Südwestdeutschland ausdehnten, begann auch für das Gebiet des heutigen Mittelstadt eine neue Epoche. Straßen, Gutshöfe und Handelswege prägten nun zunehmend die Landschaft. Archäologische Funde und Ausgrabungen belegen, dass die Gegend um Mittelstadt in römischer Zeit keineswegs abgelegen war, sondern Teil eines weit verzweigten Wirtschafts- und Kulturraumes innerhalb des römischen Reiches. Die Erkenntnisse über diese Zeit beruhen auf historischen Quellen, Bodenfunden und den Ausgrabungen im Vorderen Lachenhau.
Die Römer erreichen Südwestdeutschland
Unter Kaiser Augustus begann Rom damit, die Gebiete nördlich der Alpen dauerhaft zu sichern. Seit dem Jahr 15 v. Chr. überschritten römische Truppen die Alpen und unterwarfen nach und nach die dort lebenden keltischen Stämme. Ziel war es, die Grenzen des Reiches an Donau und Rhein zu befestigen und strategisch günstig auszubauen.
In den folgenden Jahrzehnten entstanden Straßen, Kastelle und neue Siedlungen. Orte wie Augsburg, Rottenburg oder Köngen wurden wichtige militärische und wirtschaftliche Zentren. Mit dem Ausbau des sogenannten Limes entstand schließlich eine befestigte Grenze gegen die germanischen Gebiete im Norden. Diese Grenzanlagen schützten das römische Reich über viele Jahrzehnte hinweg.
Parallel zur militärischen Sicherung begann die zivile Besiedlung des Landes. Veteranen der römischen Armee erhielten Land und errichteten dort landwirtschaftliche Gutshöfe, die sogenannten Villae rusticae. Diese Gutshöfe waren oft großzügig angelegt und verfügten über Wohnhäuser, Speicher, Stallungen, Werkstätten und eigene Badeanlagen. Über 800 solcher Höfe sind allein in Württemberg nachgewiesen worden.
Römisches Leben in der Region
Auch die nähere Umgebung Mittelstadts war in römischer Zeit dicht besiedelt. In Metzingen bestand eine bedeutende römische Niederlassung. Weitere Gutshöfe wurden unter anderem in Neckartenzlingen, Bempflingen, Altenburg, Betzingen und Dörnach entdeckt. Straßen verbanden diese Siedlungen miteinander und sorgten für Handel und Austausch.
Die Römer brachten zahlreiche Neuerungen in die Region. Sie führten Steinbauweise, gepflasterte Straßen, Heizsysteme und neue landwirtschaftliche Techniken ein. Auch viele Begriffe der deutschen Sprache gehen auf diese Zeit zurück, etwa Wörter wie „Mauer“, „Fenster“, „Kalk“ oder „Ziegel“. Gleichzeitig blieb der Einfluss der keltischen Bevölkerung erhalten. Orts- und Flussnamen wie Neckar oder Erms stammen weiterhin aus keltischer Tradition.
Die römische Kultur vermischte sich vielerorts mit der einheimischen Bevölkerung. Dies zeigte sich besonders im religiösen Leben. Keltische und römische Gottheiten wurden nebeneinander verehrt, häufig sogar miteinander verbunden.
Hinweise auf römische Besiedlung in Mittelstadt
Schon lange bevor systematische Ausgrabungen stattfanden, deuteten Flurnamen wie „Auf den Mauern“ oder „Steinige“ auf römische Überreste hin. Solche Bezeichnungen finden sich häufig an Orten ehemaliger römischer Siedlungen. Tatsächlich wurden dort immer wieder Mauerreste, Keramikscherben und andere Gegenstände entdeckt.
Bereits im Jahr 1908 führte der Archäologe Oscar Paret in Mittelstadt erste Untersuchungen durch. Hinter dem heutigen Bereich des Zehnthofs wurden mehrere römische Werksteine gefunden. Hinweise deuteten zudem auf einen kleinen Tempel oder ein Heiligtum hin. Weitere Berichte aus dem 19. Jahrhundert erwähnen Reliefbilder und massive Steinmauern, die beim Abbruch alter Gebäude entdeckt wurden.
Auch im Lachenhau waren schon früh Reste eines römischen Gutshofes bekannt. Doch erst viele Jahrzehnte später gelang es, die genaue Lage wiederzufinden und archäologisch zu untersuchen.
Die Ausgrabung im Vorderen Lachenhau
Im Frühsommer 1962 wurde bekannt, dass Teile des Vorderen Lachenhau überbaut werden sollten. Dadurch waren die im Boden erhaltenen römischen Mauern unmittelbar gefährdet. Mit Zustimmung der Gemeinde begannen daraufhin erste Grabungen. Unterstützt wurden die Arbeiten von Lehrern, Schülern, Mitgliedern des Albvereins und zahlreichen Helfern aus dem Ort.
Bereits kurz nach Beginn der Arbeiten wurden die Reste eines römischen Badegebäudes freigelegt. Wenig später fand man ein Relief der keltisch-römischen Pferdegöttin Epona. Damit war klar, dass es sich tatsächlich um die Überreste der lange vermuteten Villa rustica handelte.
In den folgenden Wochen wurde die gesamte Anlage systematisch untersucht. Unter Leitung eines Archäologiestudenten gelang es, die Grundmauern des Gutshofes samt Nebengebäude freizulegen und wissenschaftlich zu dokumentieren.
Aufbau der römischen Villa rustica
Die freigelegte Anlage bestand aus zwei Hauptgebäuden. Das größere Gebäude diente als Wohnhaus, während der kleinere Bau vermutlich als Speicher genutzt wurde. Typisch für römische Gutshöfe waren die beiden vorspringenden Ecktürme und eine überdachte Eingangshalle mit Säulenfront.
Besonders bemerkenswert war die umfangreiche Badeanlage. Sie umfasste mehrere Räume mit unterschiedlichen Funktionen: ein Kaltwasserbad, ein Warmbad sowie beheizte Räume. Die Römer verfügten bereits über ausgeklügelte Fußboden- und Wandheizungen, sogenannte Hypokausten. Heiße Luft strömte dabei unter den Böden und durch Hohlräume in den Wänden und sorgte für angenehme Wärme.
Auch der Keller des Gutshofes war außergewöhnlich gut erhalten. Dort fanden sich Reste von verkohltem Holz, Fensterglas und massive Türgewände aus Sandstein. Die Funde zeigen, dass das Gebäude einst hochwertig ausgestattet war.
Die Untersuchungen ergaben außerdem, dass der Hof vermutlich in mehreren Bauphasen erweitert worden war. Teile der Mauern waren sorgfältig mit Kalkmörtel errichtet, andere später deutlich einfacher mit Lehm gebaut worden. Offenbar wurde die Anlage im Laufe der Zeit umgebaut oder erweitert.
Die Pferdegöttin Epona
Die römische Herrschaft in Südwestdeutschland dauerte rund 150 Jahre. Unter dem Schutz des Militärs entwickelte sich das Land wirtschaftlich und kulturell. Handel, Handwerk und Landwirtschaft erlebten eine Blütezeit.
Im 3. Jahrhundert n. Chr. geriet das römische Grenzsystem jedoch zunehmend unter Druck. Alamannische Angriffe erschütterten die Region. Zahlreiche Brandspuren im Mittelstädter Gutshof deuten darauf hin, dass auch die Villa rustica im Vorderen Lachenhau gewaltsam zerstört wurde. Wahrscheinlich geschah dies während der Alamanneneinfälle um 233 oder spätestens bei der endgültigen Aufgabe des Gebietes um 259/260 n. Chr.
Mit dem Rückzug der Römer endete die antike Epoche in unserer Heimat. Dennoch blieben ihre Spuren über Jahrhunderte hinweg im Boden erhalten. Die Ausgrabungen im Vorderen Lachenhau geben heute einen seltenen und anschaulichen Einblick in das Leben der Menschen am Rand des römischen Imperiums.



























