Ortsentwicklungskonzept Mittelstadt 1999 – Ein Blick zurück und eine Einordnung aus heutiger Sicht
Ein Zukunftsplan für Mittelstadt an der Schwelle zum neuen Jahrtausend
Als die Stadt Reutlingen im Jahr 1999 das Ortsentwicklungskonzept für Mittelstadt vorlegte, befand sich der Stadtbezirk in einer Phase des Wandels. Die Einwohnerzahl war in den Jahrzehnten zuvor kontinuierlich gestiegen, neue Wohngebiete waren entstanden und die Anforderungen an Infrastruktur, Verkehr und Ortsgestaltung hatten sich deutlich verändert. Vor diesem Hintergrund erhielt der Reutlinger Architekt und Stadtplaner Dipl.-Ing. Giemens Künster den Auftrag, ein umfassendes Entwicklungskonzept für Mittelstadt zu erarbeiten.
Das Konzept sollte nicht nur als Grundlage für die Fortschreibung des Flächennutzungsplans dienen, sondern auch konkrete Vorschläge für die Verbesserung der Lebensqualität im Ortskern und für die langfristige städtebauliche Entwicklung liefern. Gleichzeitig knüpfte die Untersuchung an frühere Planungen an, insbesondere an die Dorfkernplanung von 1989 sowie an die Ergebnisse des Wettbewerbs für Kindergarten und Sporthalle aus dem Jahr 1992.
Heute, mehr als ein Vierteljahrhundert später, bietet das Ortsentwicklungskonzept einen interessanten Einblick in die damaligen Erwartungen, Herausforderungen und Zukunftsvorstellungen für Mittelstadt.
Wachstum als zentrale Herausforderung
Ende der 1990er Jahre lebten rund 3.350 Menschen in Mittelstadt. Die Planer gingen davon aus, dass langfristig eine Einwohnerzahl von bis zu 5.000 Personen möglich und aus infrastruktureller Sicht auch vertretbar wäre. Grundlage dieser Annahme waren freie Bauflächen, vorhandene Baulücken sowie mehrere potenzielle Neubaugebiete am Ortsrand.
Besondere Bedeutung kam dabei dem geplanten Wohngebiet „Rebstock“ am südwestlichen Ortsrand zu. Dieses Gebiet war bereits in den 1970er Jahren diskutiert worden, konnte damals jedoch aufgrund der Planungen rund um den Vorsorgestandort des Kernkraftwerks nicht weiterverfolgt werden. Mit dem Ortsentwicklungskonzept rückte „Rebstock“ erneut in den Mittelpunkt der Entwicklungsüberlegungen.
Darüber hinaus wurden weitere mögliche Wohnbauflächen untersucht, darunter die Gebiete „Rote Äcker“, „Klingäcker“, „Klingäckerstraße“ und „Im Trompeter“. Zusammen ergaben diese Flächen ein Potenzial von etwa 15 Hektar Wohnbaufläche für rund 1.050 zusätzliche Einwohner. Die Planer sahen darin ausreichend Raum für die Entwicklung der kommenden zehn bis fünfzehn Jahre.
Rückblickend zeigt sich, dass viele damalige Überlegungen die bis heute anhaltende Diskussion um Wohnraumbedarf, Nachverdichtung und Flächensparen bereits vorwegnahmen.
Gebäude Neckartenzlinger Straße
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Gebäude Neckartenzlinger Straße, Hofbereich und Zufahrt Zugang Post - nach der Neugestaltung -
Gebäude Neckartenzlinger Straße, Hofbereich und Zufahrt Zugang Post - gegenwärtiger Zustand
Das Neubaugebiet „Rebstock“ als Schlüsselprojekt
Im Zentrum der Planungen stand das Gebiet „Rebstock“. Für die rund 5,8 Hektar große Fläche wurden vier unterschiedliche Erschließungs- und Bebauungsvarianten entwickelt.
Allen Varianten gemeinsam war das Ziel, das neue Wohngebiet eng mit dem bestehenden Ortskern zu verknüpfen. Fuß- und Radwege sollten eine gute Verbindung schaffen, gleichzeitig sollten bestehende Streuobstwiesen möglichst erhalten bleiben. Auch Flächen für Spielplätze, einen Kindergarten sowie Ausgleichsmaßnahmen wurden berücksichtigt.
Die Varianten unterschieden sich vor allem hinsichtlich der Straßenführung, der Grundstücksgrößen und des Umfangs der Bebauung. Während die erste Variante rund 68 Baugrundstücke vorsah, reichte die vierte Variante bis zu 86 Grundstücke mit kleineren Parzellen. Bereits damals wurde außerdem eine spätere Erweiterung des Wohngebietes in südwestlicher Richtung als langfristige Option erwähnt.
Aus heutiger Sicht zeigt sich die Weitsicht der damaligen Planung. Themen wie die Vernetzung mit Fuß- und Radwegen, die Berücksichtigung von Grünflächen und die Einbindung neuer Baugebiete in bestehende Ortsstrukturen gehören inzwischen zu den selbstverständlichen Grundsätzen moderner Stadtplanung.
Verkehr neu denken
Ein weiterer Schwerpunkt des Ortsentwicklungskonzepts war die Verkehrsentwicklung. Bereits Ende der 1990er Jahre wurde erkannt, dass die Hauptdurchgangsstraßen Mittelstadts einerseits wichtige Verkehrsachsen darstellen, andererseits aber die Aufenthaltsqualität im Ortskern beeinträchtigen.
Besondere Aufmerksamkeit galt deshalb der Neckartenzlinger Straße und der Riedericher Straße. Die Planer entwickelten zahlreiche Vorschläge zur Verkehrsberuhigung, Verbesserung der Querungsmöglichkeiten für Fußgänger und Aufwertung des öffentlichen Raums. Baumpflanzungen, schmalere Fahrbahnen, neue Beläge sowie gestalterische Akzente sollten dazu beitragen, die gefahrenen Geschwindigkeiten zu reduzieren und den Straßenraum stärker den Menschen zurückzugeben.
Interessant ist, dass viele der damals diskutierten Maßnahmen heute zum Standard moderner Verkehrsplanung gehören. Die Idee, Straßen nicht allein für den Autoverkehr zu gestalten, sondern auch als Aufenthalts- und Begegnungsräume zu verstehen, zieht sich wie ein roter Faden durch das gesamte Konzept.
Die Teilortsumgehung und der geplante Kreisverkehr
Ein wichtiges Thema war die sogenannte Teilortsumgehung zwischen der Riedericher Straße und der Stadtstraße. Bereits damals wurde erwartet, dass eine solche Verbindung die Ortsmitte entlasten könnte.
Nach Berechnungen des Gesamtverkehrsplans sollte der Durchgangsverkehr etwa 40 Prozent des gesamten Verkehrsaufkommens ausmachen. Die geplante Verbindung hätte täglich zwischen 1.500 und 2.000 Fahrten aufnehmen können und damit insbesondere die innere Riedericher Straße entlastet.
Zusätzlich empfahl das Konzept die Anlage eines Kreisverkehrs im Bereich der Kreuzung Riedericher Straße, Metzinger Straße und Lachenhauweg. Ziel war eine höhere Verkehrssicherheit, insbesondere für Fußgänger, die dort regelmäßig die Landesstraße querten. Gleichzeitig sollte der Kreisverkehr als markanter Ortseingang wirken und den Verkehr abbremsen.
Der Rathausplatz als neue Ortsmitte
Besonders anschaulich sind die Überlegungen zur Umgestaltung des Rathausplatzes. Die Planer sahen in diesem Bereich das Potenzial für einen attraktiven Mittelpunkt des öffentlichen Lebens.
Voraussetzung wäre die Verlegung der damaligen Bushaltestelle gewesen. Auf der frei werdenden Fläche sollte ein Platz entstehen, der sowohl für Wochenmärkte als auch für Begegnung und Aufenthalt genutzt werden könnte. Geplant waren ein einheitlicher Platzbelag, ein Wasserlauf mit Brunnen als Erinnerung an den früheren Wieslenbach sowie ein großer Baum als identitätsstiftender Mittelpunkt. Sitzgelegenheiten sollten den Platz zusätzlich beleben.
Viele dieser Ideen entsprechen heutigen Vorstellungen lebendiger Ortsmitten. Sie zeigen, wie stark bereits damals die Aufenthaltsqualität öffentlicher Räume in den Fokus rückte.
Schulen, Kindergärten und Spielplätze
Die Untersuchung widmete sich auch der Frage, ob die vorhandene Infrastruktur mit einem weiteren Bevölkerungswachstum Schritt halten könnte.
Für die weiterführenden Schulen im Bildungszentrum Nord wurden keine größeren Engpässe erwartet. Die Grundschule Mittelstadt wurde als ausreichend dimensioniert angesehen, solange die Einwohnerzahl langfristig die Marke von etwa 5.000 Personen nicht überschreiten würde.
Anders sah es bei den Kindergärten aus. Die vorhandenen Einrichtungen konnten den damaligen Bedarf zwar decken, bei größeren Neubaugebieten wären jedoch zusätzliche Kindergartenplätze erforderlich geworden. Die Planer kalkulierten mit sechs bis sieben Kindergartenplätzen je 100 Einwohner.
Auch die Ausstattung mit öffentlichen Spielplätzen wurde untersucht. Dabei wurde festgestellt, dass insbesondere in neuen Wohngebieten zusätzliche Spielflächen notwendig seien. Als Richtwert wurden mindestens zwei Quadratmeter Spielfläche pro Einwohner angesetzt.
Wohnen im Alter
Bemerkenswert ist, dass bereits 1999 die Schaffung altersgerechter Wohnungen als wichtige Zukunftsaufgabe angesehen wurde.
Untersucht wurden zwei mögliche Standorte für Altenwohnungen: an der Ecke Bempflinger Straße/Heerstraße sowie im Bereich der Silvanerstraße. Beide Varianten sollten barrierefreies Wohnen ermöglichen und älteren Menschen eine selbstständige Lebensführung im vertrauten Umfeld erlauben.
Damit griff das Konzept ein Thema auf, das angesichts des demografischen Wandels heute aktueller denn je ist.
Ortsbild und Baukultur
Ein großer Teil des Ortsentwicklungskonzepts beschäftigte sich mit Fragen der Gestaltung. Die Planer stellten fest, dass Mittelstadt längst nicht mehr überwiegend landwirtschaftlich geprägt war. Viele frühere Hofstellen hatten ihre ursprüngliche Funktion verloren, gleichzeitig boten Gebäude und Scheunen Potenzial für neue Nutzungen.
Das Konzept plädierte daher für eine behutsame Innenentwicklung. Bestehende Gebäude sollten erhalten und umgenutzt werden, bevor neue Flächen am Ortsrand in Anspruch genommen werden.
Zugleich formulierte das Konzept zahlreiche Empfehlungen für die Gestaltung von Neubauten und Umbauten. Traditionelle Bauformen mit Satteldächern, stehenden Fensterformaten, verputzten Fassaden und natürlichen Materialien sollten das Ortsbild weiterhin prägen. Ziel war es, die gewachsene Identität Mittelstadts zu bewahren, ohne moderne Architektur grundsätzlich auszuschließen.
Ein Plan seiner Zeit – mit erstaunlicher Aktualität
Aus heutiger Sicht wirkt das Ortsentwicklungskonzept von 1999 in vielen Bereichen bemerkenswert modern. Themen wie Innenentwicklung vor Außenentwicklung, Verkehrsberuhigung, Aufenthaltsqualität, Fuß- und Radverkehr, Grünflächenvernetzung, barrierefreies Wohnen und die Stärkung des Ortskerns gehören heute zu den wichtigsten Leitlinien der Stadtplanung.
Natürlich spiegeln einzelne Annahmen auch die Zeit ihrer Entstehung wider. So wurde beispielsweise von einem deutlich stärkeren Bevölkerungswachstum ausgegangen, als es tatsächlich eingetreten ist. Manche Projekte wurden umgesetzt, andere blieben Ideen auf dem Papier oder wurden später verändert weiterentwickelt.
Dennoch dokumentiert das Konzept eindrucksvoll, wie intensiv sich Mittelstadt bereits vor mehr als 25 Jahren mit seiner Zukunft auseinandersetzte. Viele der damals formulierten Ziele – ein lebenswerter Ortskern, sichere Verkehrswege, ausreichender Wohnraum und die Bewahrung des dörflichen Charakters – prägen die Diskussionen um die Ortsentwicklung bis heute.
