Eingemeindung
Ein Dorf an der Grenze des Stadtgebiets
Mittelstadt liegt im äußersten Nordosten des Reutlinger Stadtgebiets. Mit seinen Markungsgrenzen zu Neckartenzlingen und Bempflingen berührt der Ort den Kreis Esslingen und damit auch die Grenze des Regierungsbezirks. Der Neckar, der Wieslenbach und der Buchbach prägen die Landschaft. Hier liegt mit 298 Metern über dem Meeresspiegel der tiefste Punkt der Stadt Reutlingen; zugleich öffnet sich von den Höhen der Blick weit über das Neckartal, zur Achalm und zur Schwäbischen Alb.
Diese Lage hat Mittelstadt über Jahrhunderte geprägt. Der Ort entwickelte sich entlang des Wieslenbachs, blieb lange landwirtschaftlich bestimmt und wuchs erst im 20. Jahrhundert stärker durch Wohnbau, Gewerbe und neue Verkehrsanbindungen. Die frühe Besiedlung ist durch Funde aus Steinzeit, Hallstattzeit und römischer Zeit belegt. Urkundlich erwähnt wurde Mittelstadt erstmals 1245 als „Muthilstat“. Aus wenigen großen Höfen entstand nach und nach ein Dorf, das über lange Zeit durch klösterliche Besitzverhältnisse, Landwirtschaft und lokale Selbstverwaltung geprägt war.
Der Hintergrund der Gemeindereform
Die Eingemeindung Mittelstadts nach Reutlingen zum 1. Januar 1975 stand im Zusammenhang mit der baden-württembergischen Gemeindereform. Ziel dieser Reform war es, kleinere Gemeinden zu größeren und leistungsfähigeren Verwaltungseinheiten zusammenzuführen. Die Landespolitik versprach sich davon eine bessere Infrastrukturplanung, effizientere Verwaltungen und eine zukunftsfähige kommunale Entwicklung.
Für Mittelstadt bedeutete diese Reform eine grundlegende Entscheidung. Die bis dahin selbstständige Gemeinde musste klären, ob sie eigenständig bleiben konnte, ob eine Verwaltungsgemeinschaft mit Nachbargemeinden sinnvoller wäre oder ob der Anschluss an die Stadt Reutlingen den besseren Weg darstellte. Der Wunsch nach Selbstständigkeit war im Ort stark ausgeprägt. Bürgermeister Siegfried Drissner und der damalige Gemeinderat wollten die Eigenständigkeit der Gemeinde möglichst bewahren. Gleichzeitig wurde deutlich, dass das Land kleinere Gemeinden zunehmend zu Zusammenschlüssen oder engeren Verwaltungsstrukturen drängte.
Die Suche nach einem Partner
Bereits 1969 gab es Überlegungen des Innenministeriums, Mittelstadt mit Reicheneck und Riederich zu einer Verwaltungseinheit zusammenzufassen. Diese Möglichkeit veränderte sich jedoch im Laufe der Reformdiskussionen. Als Pliezhausen und das frühere Tübinger Unteramt dem Kreis Reutlingen zugeordnet wurden, entstand für Mittelstadt auch die Option einer Zusammenarbeit mit Pliezhausen.
Damit standen im Wesentlichen zwei Richtungen zur Diskussion: eine Verwaltungsgemeinschaft oder spätere Eingliederung in den Raum Reutlingen oder eine engere Verbindung mit Pliezhausen. Parallel wurde auch über größere Modelle wie einen künftigen Nachbarschaftsverband nachgedacht, dem im Raum Reutlingen Gemeinden wie Pfullingen, Eningen und Wannweil angehören sollten.
Für Mittelstadt war diese Phase von Unsicherheit geprägt. Das Innenministerium gab wiederholt neue Orientierungen vor. Der Gemeinderat versuchte, Spielräume zu erhalten, und verhandelte in mehrere Richtungen. Besonders deutlich war der Wunsch, nicht vorschnell die Selbstständigkeit aufzugeben. Dennoch rückte die Frage näher, welcher Partner dem Ort langfristig die besten Entwicklungsmöglichkeiten bieten würde.
Die erste Bürgerbefragung vom 8. April 1973
Am 8. April 1973 wurden die Mittelstädter Bürgerinnen und Bürger erstmals zur Zukunft ihrer Gemeinde befragt. Der Abstimmung gingen eine Bürgerversammlung und mehrere Frühschoppengespräche voraus, in denen die verschiedenen Möglichkeiten erläutert und diskutiert wurden. Die Bevölkerung sollte eine Orientierung geben, ob Mittelstadt eher eine Verwaltungsgemeinschaft mit Reutlingen oder mit Pliezhausen anstreben sollte.
Die Beteiligung lag bei 66 Prozent. Von den Abstimmenden sprachen sich 65 Prozent für eine Verwaltungsgemeinschaft mit Reutlingen aus. 35 Prozent bevorzugten eine Verwaltungsgemeinschaft mit Pliezhausen. Dieses Ergebnis zeigte eine klare Tendenz nach Reutlingen, bedeutete aber noch keine unmittelbare Zustimmung zur Aufgabe der Selbstständigkeit.
Gerade dieser Unterschied war wichtig. Viele sahen in einer Verwaltungsgemeinschaft mit Reutlingen einen pragmatischen Weg, ohne damit zwingend eine vollständige Eingemeindung zu verbinden. Bürgermeister und Gemeinderat hielten deshalb zunächst weiter am Ziel fest, Mittelstadt als selbstständige Gemeinde zu erhalten. Trotz des Bürgervotums wurde weiter nach Alternativen gesucht.
Diskussionen, Werbung und Bürgerinitiative
In den folgenden Monaten blieb die Zukunft Mittelstadts offen. Reutlingen und Pliezhausen warben um die Gemeinde. Bei einer Podiumsdiskussion am 16. März 1973 stellten beide Seiten ihre Vorstellungen vor. Pliezhausen bot eine Lösung an, bei der die Selbstständigkeit Mittelstadts weitgehend erhalten geblieben wäre. Reutlingen wiederum stellte in Aussicht, Mittelstadt auf einer fairen Grundlage aufzunehmen, falls andere Modelle nicht zustande kämen.
In der Diskussion zeigte sich, dass viele Bürgerinnen und Bürger zum Anschluss an Reutlingen tendierten. Dazu trug auch eine Informationsschrift bei, die an die Bevölkerung verteilt wurde. Außerdem bildete sich die Bürgerinitiative „Mittelstadt mit Reutlingen“. Sie warb für den Anschluss an Reutlingen und stellte die möglichen Vorteile heraus: bessere Verwaltungskraft, größere finanzielle Möglichkeiten, stärkere Infrastruktur und Einbindung in eine Stadt, die bereits Erfahrung mit eingegliederten Teilorten hatte.
Gleichzeitig blieb die Sorge bestehen, dass mit dem Anschluss an Reutlingen örtliche Selbstständigkeit, kurze Entscheidungswege und lokale Einflussmöglichkeiten verloren gehen könnten. Diese Spannung zwischen Zukunftssicherung und Identitätsverlust begleitete die gesamte Debatte.
Die zweite Abstimmung vom 15. Juli 1973
Am 15. Juli 1973 fand eine zweite Bürgerbefragung statt. Nun ging es erneut um die Richtungsentscheidung zwischen Reutlingen und Pliezhausen. Die Wahlbeteiligung lag bei 64 Prozent. Das Ergebnis fiel noch deutlicher aus als im April: 70 Prozent der Abstimmenden sprachen sich für Reutlingen aus, 30 Prozent für Pliezhausen.
Damit war die politische Richtung klarer geworden. Der Wunsch vieler Bürgerinnen und Bürger, sich nach Reutlingen zu orientieren, ließ sich nicht mehr übersehen. Für Bürgermeister Drissner und den Gemeinderat, die weiterhin an der Selbstständigkeit hingen, bedeutete dies eine Zäsur. Nach diesem deutlichen Votum blieb praktisch nur noch der Weg, mit Reutlingen über die Bedingungen einer Eingemeindung zu verhandeln.
Die dritte Befragung und die endgültige Zustimmung
Aus formellen Gründen wurde später eine dritte Befragung notwendig. Dabei wurden die Bürgerinnen und Bürger direkt gefragt, ob sie der Eingemeindung nach Reutlingen zustimmen. Die Beteiligung war deutlich geringer als bei den beiden vorherigen Abstimmungen; sie lag bei 37 Prozent. Von den Teilnehmenden stimmten 77 Prozent für die Eingemeindung.
Trotz der geringeren Beteiligung war das Ergebnis eindeutig. Die Zustimmung zur Eingemeindung bestätigte die vorherige Entwicklung. Damit war der Weg frei für den Vertragsabschluss mit der Stadt Reutlingen.
Der Eingemeindungsvertrag von 1974
Der Vertrag über den Zusammenschluss der Gemeinde Mittelstadt mit der Stadt Reutlingen wurde am 12. Juni 1974 unterschrieben. Am 27. Juni 1974 stimmte der Mittelstädter Gemeinderat zu. Der Vertrag orientierte sich an den Vereinbarungen, die Reutlingen auch mit anderen Nordraumgemeinden abgeschlossen hatte. Ergänzt wurde er durch einen Zusatzvertrag, der spezielle örtliche Angelegenheiten und Investitionen für Mittelstadt regelte.
Der Vertrag war für Mittelstadt von großer Bedeutung. Er sollte sicherstellen, dass die Eingemeindung nicht nur den Verlust der Selbstständigkeit bedeutete, sondern auch konkrete Vorteile brachte. Im Mittelpunkt standen bessere Lebensbedingungen, der Ausbau der Infrastruktur und der Erhalt örtlicher Eigenheiten.
Zu den zugesagten Maßnahmen gehörten unter anderem die Weiterführung der Kläranlage Merzenbachtal, der Ausbau der Metzinger Straße, Verbesserungen bei Versorgung und Entsorgung, die Fortführung der Ortskernsanierung, neue Verwaltungsräume, Sportanlagen, die Erschließung neuer Baugebiete, die Ansiedlung weiterer Gewerbebetriebe, der Ausbau des Kindergartenwesens und die Sicherung der Grundschule.
Besonders wichtig waren die Zusagen zur bürgernahen Verwaltung. Die örtliche Verwaltung sollte ihre bisherigen Zuständigkeiten behalten, soweit diese für eine zweckmäßige und bürgernahe Verwaltung notwendig waren. Auch der Standesamtsbezirk sollte bei der Verwaltung in Mittelstadt bleiben. Diese Zusicherung spielte damals eine wichtige Rolle und ist auch Jahrzehnte später noch Gegenstand politischer Diskussionen.
Die Eingemeindungsfeier am 10. Januar 1975
Am 10. Januar 1975 wurde die Eingemeindung in der Turn- und Festhalle gefeiert. Zu den Gästen gehörten Vertreter des Landes, des Landkreises, der Stadt Reutlingen, der Kirchen, der Schule und der örtlichen Gemeinschaft. Bürgermeister Siegfried Drissner schilderte in seiner Ansprache den langen Weg zur Eingemeindung. Er machte deutlich, dass er selbst großen Zusammenschlüssen skeptisch gegenüberstand und die Vorzüge kleiner Verwaltungseinheiten schätzte. Dennoch bezeichnete er die ausgehandelte Lösung nach langen Verhandlungen als vernünftig.
Wichtig war ihm, dass viele bürgernahe Dienste im Bezirksamt bleiben sollten. Der Stadt Reutlingen bescheinigte er eine faire Haltung in den Verhandlungen. Als Zeichen des Übergangs überreichte er Oberbürgermeister Dr. Manfred Oechsle ein in Kupfer gearbeitetes Gemeindewappen.
Oberbürgermeister Oechsle begrüßte Mittelstadt als eine der „Perlen“, die die Stadt Reutlingen umgeben. Er nahm die gemischten Gefühle vieler Mittelstädter ernst und versprach, eine zeitgemäße Verwaltung zu schaffen. Zugleich sagte er zu, dass Mittelstadt sein Eigenleben behalten und weiterentwickeln solle. Die Stadt werde zu ihren Versprechen stehen.
Umsetzung vieler Zusagen
In den folgenden Jahrzehnten wurden viele Zusagen des Eingemeindungsvertrags umgesetzt. Die Sammelkläranlage wurde 1976 in Betrieb genommen. Die Sportanlagen im Auchtert entstanden ab 1979. Das historische Rathaus wurde nicht, wie zunächst vorgesehen, abgerissen, sondern wegen seines Denkmalwerts saniert und 1981 neu eingeweiht. Es erhielt Büroräume, einen Sitzungssaal und würdige Räume für Eheschließungen.
Das Baugebiet Bergsteig/Hochbuch wurde erschlossen, Straßen wurden ausgebaut, Kanäle erneuert und der Gießbrunnen mit Grünanlage gestaltet. Später folgten weitere Baugebiete wie Strengel und Hölläcker. Mit wachsender Bevölkerung entstanden zusätzliche Kindergartenplätze, neue Betreuungsformen und schließlich weitere Kinderhäuser. Auch die Schule blieb ein wichtiger Mittelpunkt des Ortes. Durch den Förderverein MIKI wurden Kernzeitbetreuung, Hausaufgabenbetreuung, Mittagessen und Freizeitangebote aufgebaut.
Auch im Bereich der Infrastruktur wurde viel investiert. Regenüberlaufbecken, Kanalsanierungen, der neu gestaltete Rathausplatz und verkehrsberuhigte Bereiche veränderten das Ortsbild. Der Bau der Sporthalle bei der Schule im Jahr 2001 war ein weiterer wichtiger Schritt für Schule und Vereine.
Wirtschaftliche Entwicklung und Arbeitsplätze
Mittelstadt war lange landwirtschaftlich geprägt. Nach dem Zweiten Weltkrieg gewann das Gewerbe an Bedeutung. Bereits ab 1956 entstand im Lachenhau ein Industriegebiet. Unternehmen wie die Firma Ernst Beck, die Firma Ernst Wagner Apparatebau und die Bäckerei Keim prägten die wirtschaftliche Entwicklung.
Nach der Eingemeindung wurde der Ausbau des Industriegebiets weitergeführt. 1980 konnten größere Flächen bebaut werden. Später entstand das Gewerbegebiet Ost. Die Entwicklung brachte Arbeitsplätze und stärkte Mittelstadt als Wirtschaftsstandort. Aus örtlichen Betrieben wurden teilweise Unternehmen mit internationaler Einbindung. Heute gibt es im Ort rund 1.100 Arbeitsplätze. Damit ist Mittelstadt nicht nur Wohnort, sondern auch ein wichtiger Gewerbestandort innerhalb Reutlingens.
Wandel der Nahversorgung
Mittelstädter noch gut vor Ort versorgen. Es gab zwei Bäckereien, zwei Metzgereien, ein Lebensmittelgeschäft, eine Drogerie, mehrere Gasthäuser, Banken und verschiedene Handwerks- und Dienstleistungsbetriebe.
Viele dieser Angebote sind im Laufe der Zeit verschwunden oder wurden eingeschränkt. Heute gibt es noch einen kleinen Lebensmittelmarkt, Bäckereien mit Café, eine Apotheke, ein Schreibwarengeschäft mit Poststelle, einzelne Fachgeschäfte, Dienstleister und gastronomische Angebote. Dennoch erledigen viele Bewohner ihre Einkäufe außerhalb des Ortes, etwa in benachbarten Gemeinden oder Einkaufszentren.
Diese Entwicklung ist nicht nur eine Folge der Eingemeindung, sondern Teil eines allgemeinen Strukturwandels. Dennoch wird sie in Mittelstadt auch im Zusammenhang mit der Frage gesehen, ob die versprochenen gleichwertigen Lebensbedingungen dauerhaft gesichert wurden.
Gesellschaftliches Leben als starke Säule
Trotz aller Veränderungen ist das gesellschaftliche Leben in Mittelstadt lebendig geblieben. Vereine, Kirchengemeinden, Schule, Kindergärten, Feuerwehr und viele Ehrenamtliche tragen das Miteinander. Schon im Jahr nach der Eingemeindung wurde erstmals ein Dorfstraßenfest veranstaltet. Daraus entwickelte sich ein regelmäßiges Bürgerfest, dessen Erlös einem Hilfsfonds für Menschen in Not zugutekommt.
Musikverein, Fußballclub, Schwäbischer Albverein, Schützenverein, Tennisverein, Obst- und Gartenbauverein, Kleintierzuchtverein, Narrenzünfte, Neckarschnucken, Fördervereine, Seniorenclub, Kirchen und viele weitere Gruppen prägen den Jahreslauf. Maibaumstellen, Sonnwendfeier, Weihnachtsmarkt, Vereinsfeste, kirchliche Veranstaltungen und Seniorennachmittage schaffen Begegnung und Zusammenhalt.
Gerade diese örtliche Gemeinschaft zeigt, dass Mittelstadt auch nach der Eingemeindung ein starkes Eigenleben bewahrt hat.
Öffentliche Einrichtungen und neue Kritik
Fünf Jahrzehnte nach der Eingemeindung wird der Vertrag von 1974 erneut politisch bedeutsam. Anlass sind Pläne der Stadt Reutlingen, Verwaltungsleistungen neu zu ordnen, standesamtliche Zuständigkeiten zu konzentrieren und Stadtteilbibliotheken zu schließen oder stark zu verändern.
Für Mittelstadt ist dies besonders sensibel. Der Eingemeindungsvertrag hatte ausdrücklich bürgernahe Verwaltung, einen eigenen Standesamtsbezirk sowie den Erhalt und Ausbau öffentlicher und kultureller Einrichtungen zugesichert. Wenn solche Angebote reduziert werden, entsteht bei vielen Bürgerinnen und Bürgern der Eindruck, dass damalige Versprechen an Bindungskraft verlieren.
Im Februar 2026 richteten Bürgerinnen und Bürger deshalb einen offenen Brief an Oberbürgermeister Thomas Keck. Unterstützt wurde er von rund 70 Personen. Darin wurde betont, Vertragstreue dürfe keine Frage der Kassenlage sein. Die Unterzeichnenden kritisierten, dass Teilorte wie Mittelstadt Funktionen verlieren könnten, die für das tägliche Leben und die örtliche Identität wichtig sind. Besonders genannt wurden Standesamt, Bibliothek und Verwaltungskompetenz.
Bis Anfang März 2026 lag nach den vorliegenden Angaben keine inhaltliche Antwort der Verwaltung auf diesen offenen Brief vor.
Quartiersarbeit zwischen Chance und Sorge
Die von Reutlingen geplante Quartiersarbeit wird in Mittelstadt ambivalent gesehen. Einerseits kann sie Chancen eröffnen. Sie könnte das Bezirksamt zu einem stärkeren Knotenpunkt für Ehrenamt, Vereine, soziale Fragen, Beteiligung und generationenübergreifende Angebote machen. Gerade ein Ort mit gewachsener Identität und starkem Vereinsleben kann von professioneller Unterstützung profitieren.
Andererseits entsteht Kritik, wenn Quartiersarbeit als Ersatz für klassische Verwaltungsleistungen erscheint. Wenn Standesamtsaufgaben verlagert und Verwaltungszuständigkeiten reduziert werden, während zugleich neue Beteiligungsangebote angekündigt werden, verschiebt sich die Rolle des Bezirksamts. Aus verbindlicher Verwaltung vor Ort könnte stärker ein Ort der Moderation und Vernetzung werden.
Für Mittelstadt ist deshalb entscheidend, dass Quartiersarbeit zusätzlich kommt und nicht an die Stelle zugesicherter Verwaltungsfunktionen tritt.
Eine Bilanz nach 50 Jahren
Die Eingemeindung Mittelstadts nach Reutlingen war das Ergebnis einer langen politischen Auseinandersetzung. Sie wurde nicht über Nacht entschieden, sondern nach Diskussionen, Verhandlungen und mehreren Bürgerbefragungen. Die Abstimmungen von 1973 und die spätere Zustimmung zur Eingemeindung zeigen, dass sich ein großer Teil der Bevölkerung damals bewusst für den Weg nach Reutlingen entschied.
Die Gründe dafür waren nachvollziehbar: bessere Infrastruktur, stärkere Verwaltungskraft, größere finanzielle Möglichkeiten und eine gesicherte Entwicklung. Viele Zusagen wurden tatsächlich umgesetzt. Mittelstadt erhielt Investitionen, neue Einrichtungen, bessere Verkehrs- und Versorgungsstrukturen und entwickelte sich als Wohn- und Gewerbestandort weiter.
Gleichzeitig blieb der Preis der Eingemeindung spürbar. Die kommunale Selbstständigkeit ging verloren. Entscheidungen wurden stärker in die gesamtstädtische Politik eingebunden. Nahversorgung, Verwaltung und öffentliche Einrichtungen entwickelten sich nicht immer so, wie es sich viele im Ort gewünscht hätten.
So steht Mittelstadt heute zwischen zwei Erfahrungen. Einerseits ist der Ort Teil einer größeren Stadt und hat von deren Möglichkeiten profitiert. Andererseits bleibt das Bedürfnis nach lokaler Eigenständigkeit, verlässlichen Zusagen und bürgernahen Einrichtungen lebendig.
Der Eingemeindungsvertrag von 1974 ist deshalb mehr als ein historisches Dokument. Er ist ein Maßstab für das Verhältnis zwischen Mittelstadt und Reutlingen. Seine Bedeutung zeigt sich gerade dort, wo neue Spar- und Strukturentscheidungen das örtliche Leben berühren. Für die Zukunft wird entscheidend sein, ob es gelingt, die Vorteile der Stadtzugehörigkeit mit dem Eigenleben Mittelstadts zu verbinden. Denn Mittelstadt ist nicht nur ein Stadtbezirk Reutlingens, sondern ein Ort mit eigener Geschichte, eigener Landschaft, eigener Gemeinschaft und einem starken Bewusstsein für das, was ihm einst zugesagt wurde.
